Unterschied zwischen Hündin und Rüde: Vorteile & Nachteile der Geschlechter

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Welche Unterschiede gibt es Zwischen Hündin und Rüde? Welche Vorteile und Nachteile haben die beiden Geschlechter? Wir haben gängige Vorurteile einem Faktencheck unterzogen! / Foto: Pixabay / Bearbeitung: die Hundezeitung

Aggressives und rauflustiges Männchen, folgsames und kuschelbedürftiges Weibchen? Sind das alles Ammenmärchen und Vorurteile, oder ist wirklich etwas dran am Unterschied zwischen Hündin und Rüde? Und wenn ja – was genau sind die zu erwartenden Vorteile und möglichen Nachteile der Geschlechter?

Eines gleich vorweg: Die Sensibilität ist nicht unbedingt vom Geschlecht der Vierbeiner(in) abhängig. Biologisch gesehen gibt es dennoch typische Eigenheiten – inwiefern kommt der Unterschied zwischen Hündin und Rüde im Alltag zum Vorschein?

Quiiiiietsch. Die Metalltüre zur Hundewiese klingt beim Öffnen hohl und blechern. Das Grüppchen aus ein paar kleineren und größeren Vier- und Zweibeinern am anderen Ende sieht auf – und wird aufeinen Schlag ganz still. Kein Blätterrascheln auf den Bäumen, kein Grashalm scheint sich mehr zu bewegen, das Gezwitscher der Vögel verstummt. Hektor betritt die Wiese.

Hektor ist groß, Hektor ist beeindruckend. Hektor ist ein Deutscher-Schäferhund-Rüde, und woran es ihm ganz sicher nicht fehlt, ist Imponiergehabe. Im Schlepptau hat er Frauchen Anna, die die Tür rasch hinter sich und ihrem Vierbeiner schließt, ein paar entschuldigende Blicke zu den anderen auf der Wiese vorausschickend. Wer sich nicht von Hektor zu beeindrucken lassen scheint, ist Golden Doodle Bobo. Hektor sieht das, startet los, Bobo ebenso. Plötzlich bremsen beide Rüden ab, bleiben Nase an Nase voreinander stehen, die Nackenhaare aufgestellt, unsicheres Wedeln. Pattstellung? Einen Moment lang scheint die Welt ihren Atem anzuhalten. Da – war das nicht ein Pfiff von Frauchen Anna? Hektor dreht– sichtlich erleichtert – ab, die Lage entspannt sich und alles ist gut. Anna ist cool geblieben, sie weiß um Hektors dicke Hose. Rauflustig ist er nicht wirklich – im Gegensatz zu so manch anderem Rüden.

Funktioneller Unterschied zwischen Hündin und Rüde

Aber ist das eigentlich wirklich wahr? Sind vor allem Rüden aufs Kämpfen aus, Hündinnen hingegen wohlerzogen und anschmiegsam? Oder sind das alles nur Vorurteile? Nein, sind sie nicht. Naja, zum Teil vielleicht. Ein Blick auf die Struktur in einem Hunderudel gibt viel Aufschluss, betrachtet man die Funktionen, die Hündinnen und Rüden dort ursprünglich eingenommen haben.

„Aus biologischer Sicht ist es so, dass Rüden für externe Angelegenheiten verantwortlich sind, während Hündinnen intern das Sagen haben. „Der Grund dafür ist, dass ein Rüde im Streitfall verzichtbarer ist als eine Hündin, die eventuell gerade trächtig ist oder Welpen aufzieht. Mit ihrem Tod würden auf einen Schlag viele Rudelmitglieder ums Überleben bangen, ein Rüde allerdings wäre leicht wieder zuersetzen“, so Hundetrainerin und Verhaltensberaterin Conny Sporrer, Inhaberin von Martin Rütter DOGS Wien. „Diese Tatsache tragen Hunde auch im Zusammenleben mit uns oft noch in sich mit, wenngleich mit viel weniger Ernstbezug.“

Sind Rüden aggressiver als Hündinnen?

Wie sich das im Alltag zeigt? „Gehen wir von gut sozialisierten Hunden mit relativ normalen Erbanlagen aus, kann man sagen, dass Rüden außen-orientierter sind als Hündinnen“, erklärt Verhaltensbiologe und Wolfsforscher Kurt Kotrschal. Was das genau heißt? „Beim Spaziergang schnüffeln Rüden mehr und gehen normalerweise auch ein Stück weiter weg, als Hündinnen es tun würden.“

Was die meisten Rüden eint, ist eine höhere Aggressionsbereitschaft, „das kann natürlich ein gewisses Risiko sein“. Aber: „Wenn Rüden kämpfen, passiert meistens nicht viel“, erklärt der Verhaltensbiologe und liefert eine weitere spannende Tatsache: „Hündinnen sind im Normalfall wirklich einfacher zu führen, vor allem für Männer.“

Generell halte sich die Quote der Aggressionsprobleme bei Rüden und Hündinnen „absolut die Waage“, meint Hundetrainerin Conny Sporrer. Auch wenn Rüden rauflustiger sind – ihre Kämpfe verlaufen zum Großteil harmlos. Bei Hündinnen sieht das schon anders aus: „Auseinandersetzungen unter Hündinnen können tatsächlich wesentlich härter sein, als man denkt. Während Rüden meist sogenannte Kommentkämpfe austragen, welche dem Festlegen der Rangstruktur dienen, streiten Hündinnen seltener um das Privileg, sich fortzupflanzen und Welpen gebären zu dürfen. Wenn es jedoch zu einer solchen, sexuell motivierten Auseinandersetzung kommt, dann ernsthaft und manchmal bis aufs Blut.“

Rüde für Frau, Hündin für Mann?

Laut Sporrer und Kotrschal macht es einen Unterschied, ob Mann oder Frau Hündin beziehungsweise Rüden an seiner oder ihrer Seite hat. „Meiner Erfahrung nach kann ich sagen, dass zum Beispiel schwierige Rüden sehr oft in der Hand von Frauen viel besser funktionieren“, so Kurt Kotrschal.

Das kann auch Hundetrainerin Conny Sporrer bestätigen: „Ehrlich gesagt, ist das wirklich so. Dazu kenne ich zwar keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern habe nur meine persönlichen Erfahrungen. Nicht immer, aber sehr häufig, stelle ich fest, dass Hündinnen oft eine engere Bindung zu Herrchen und Rüden umgekehrt öfter zu Frauchen haben.“

Worauf das gründet? „Das mag manchmal damit zu tun haben, dass Singles mit gegengeschlechtlichen Hunden, zumindest aus Sicht der Vierbeiner, in einer Art Partnerschaft leben. Ich empfinde das aber auch häufig, wenn Mann und Frau im Haushalt mit mehreren Hunden leben. Die Hündinnen hängen dann zum Beispiel oft sehr an dem Mann, ähnlich wie in einer typischen Vater-Tochter-Beziehung“, so Sporrer.

Entscheidung zwischen Hündin und Rüde

Okay gut, aber was rät man dem hundeschwangeren Herrchen oder Frauchen in spe denn nun? Soll die Wahl aufeinen männlichen oder weiblichen Gefährten auf vier Beinen fallen?„Geht es um eine konkrete Entscheidung, sollte man sich immer Unterstützung von einem Profi holen“, rät Verhaltensforscher Kotrschal.

„Ich würde dazu keine explizite Empfehlung abgeben, außer es ist bereits ein anderer Hund vorhanden“, meint dazu die Hundetrainerin. In diesem Falle sei es sinnvoll, das Geschlecht des neuen Hundes auf den anderen abzu-stimmen. „Beim Ersthund sollten aber meiner Erfahrung nach viel eher Rassedispositionen beachtet werden. Von Natur aus wird sich beispielsweise eine Hovawarthündin eher territorialer und vermeintlich ‚rüdenhafter‘ verhalten als ein Retrieverrüde, der als Jagdbegleithund und nicht als Wachhund gezüchtet wurde.“

Nicht zu unterschätzen sei auch die individuelle Entwicklung: „So gibt es etwa die These, dass Hündinnen, die im Mutterleib zwischen zwei Rüden lagen, auch mehr männliche Hormone abbekommen. Auch konstanter Stress der Mutterhündin in der Trächtigkeit kann den Testosteronspiegel erhöhen und dazu führen, dass Hündinnen später eher männliche Verhaltensweisen zeigen.“

Selbstvertrauen wichtiger als Geschlecht

Ganz gleich, ob nun die Wahl auf einen Rüden oder eine Hündin gefallen ist – bei der Er- und Beziehung ist entscheidend, dass man als Besitzer dem Vierbeiner „vor allem durch das eigene Verhalten Sicherheit und Selbstvertrauen gibt“. Das sei laut Kotrschal deutlich wichtiger als der biologische Unterschied zwischen Hündin und Rüde.

„Egal, ob Hündin oder Rüde, wichtig ist, dass wir ihnen auch mal etwas zutrauen, sie zum Beispiel nicht ständig an der Leine führen. Ein selbstbewusster Hund ist ein sicherer Hund.“ Und zwar ganz gleich, welches Geschlecht er oder sie hat. Kotrschal: „Ein Hund mit hohem Aggressionspotenzial wird mit einem sicheren Halter seine Aggression nie auspacken müssen, wird er von einem anderen Hund überfallen, wird er immer eher deeskalieren.“

Conny Sporrer

… ist Hundetrainerin, Verhaltensberaterin und Inhaberin von Martin Rütter DOGS Wien.

Kurt Kotrschal

… ist Biologe, Verhaltensforscher und Professor an der Universität Wien. 2008 hat er das Wolf Science Center in Ernstbrunn (Niederösterreich) mitbegründet.

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