Hundetraining online – Fluch oder Segen?

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Online-Hundetraining hat so seine Vor- und Nachteile. Foto: canva.

Wie so oft scheiden sich an diesem Thema die Geister. Erzählt man Menschen, dass man auch Online-Hundetraining anbietet, reicht die Reaktion von völliger Verständnislosigkeit über Mitleid bis hin zur Begeisterung. Auch auf Beratungsseite selbst findet man unterschiedlichste Meinungen. Für die einen ist Online-Hundetraining die Reinkarnation des Bösen und so darf man auf gar keinen Fall einen Hund coachen, den man noch nie live gesehen. Für andere ist diese Art des Trainings die neue Berufung und der einzig gangbare Weg im Hundecoaching für die kommenden Jahre. Vermutlich liegt die Wahrheit wie so oft in der Mitte.

Eine Ex-Gegnerin

Ich oute mich an dieser Stelle gern: es ist noch nicht so lange her, dass ein „Hundetraining online“ für mich undenkbar war. Schließlich möchte ich Hund & Mensch kennenlernen und vor allen Dingen spüren. Der persönliche Kontakt und das Erleben im Training waren für mich alternativlos. Wie so oft hatte das Universum aber eine Überraschung für mich bereit. Als mein Buch „Angsthunde“ 2014 auf den Markt kam, gab es plötzlich Anfragen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, ob ich nicht helfen könnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich gedanklich noch nicht so weit und habe sicher einige frustrierende Antwortmails verschickt, weil ich nicht helfen konnte. Ein Prozeß in meinem Hirn begann. Heute sehe ich das anders und ich finde Online-Coaching kann eine wunderbare Alternative oder Ergänzung zum Präsenz- oder Livetraining sein, muss es aber nicht.

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Foto: canva (bearbeitet)

Was ist Online-Hundetraining?

Denkt man über die Vorteile und Nachteile von Online-Hundetraining nach, besteht das erste Problem darin, dass es DAS „Online-Hundetraining“ gar nicht gibt. Vielmehr haben sich in den letzten Jahren im Bereich des Hundetrainings und der Hundeverhaltensberatung einige digitale und vor allem sehr unterschiedliche Produkte entwickelt.

Da gibt es:

• den E-Mail-Kurs, bei dem in regelmäßigen Abständen Trainingsanleitungen versendet werden
• die individuellen Beratungen, bei denen Gespräche in einem virtuellen Raum geführt werden
• die Online-Vorträge („Webinare“), bei denen Vortragende und TeilnehmerInnen sich in einem virtuellen Klassenraum befinden, bis hin zu Online-Konferenzen
• Videotheken, in den Trainingsvideos zu verschieden Themen gesammelt werden und die Menschen sich je nach Interesse bedienen können
• Onlinekurse, die oft eine Kombi aus Vorträgen, Videos, Audio- und Textbeiträgen sind
• und einiges mehr.

Diese digitalen Hundeprodukte gibt es nicht erst mit dem Beginn COVID-19-Krise, auch wenn es sich zugegebenermaßen oft so anfühlt, weil wir mit Werbung für diese Produkte überhäuft werden. Diese Entwicklung hat schon viel früher angefangen und zwar schleichend. Je besser und einfacher die Handhabung von Smartphone, Tablet & co. wurde, desto mehr entwickelte sich auch der Markt für digitale Produkte. Immer mehr Menschen nutzen diese technischen Möglichkeiten und mögen sie auch.

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Foto: canva.

Angst vor der Technik

Meine anfängliche Ablehnung stütze sich auch auf meine mangelnden Fähigkeiten in Sachen Technik. Je mehr ich aber meinen Rechner, mein Smartphone und mein Tablet verstand, desto mutiger und kreativer wurde ich. So waren auf meinem Rechner z.B. viele Vorträge gespeichert, die man nur einmal live gehalten hatte. Vorträge, die man für den speziellen Anlass erstellt hatte. Online-Vorträge machen es möglich, ein breiteres Publikum zu erreichen und diesem über die Aufzeichnung größtmögliche, zeitliche Flexibilität zu geben. So zusätzlich Geld zu verdienen, war mir sympathisch und ich machte meinen ersten Onlinekurs zum Thema, wie organisiert und hält man Webinare. Auch wenn es zu Beginn sehr gewöhnungsbedürftig war mit dem Bildschirm zu sprechen, heute ist dieses Werkzeug für mich nicht mehr wegzudenken.

Übersetzung zwischen Hund & Mensch

Ein großer Teil des Hundetrainings oder der Verhaltensberatung ist „Wissensvermittlung“, das ist online möglich und vielleicht sogar effektiver. Vermutlich nimmt der Hundemensch mehr Wissen auf, wenn er gemütlich im Sessel sitzt als bei kaltem Schmuddelwetter auf dem Hundeplatz, wenn man den eigenen Hund auch noch im Auge haben muss, dass er keine eigenständigen Ideen entwickelt. So entstanden bei vielen TrainerInnen z.B. die zusammenfassende E-Mail nach der Stunde oder das Video zum heutigen Signal „zum in Ruhe anschauen“.

Natürlich gilt es auch zu berücksichtigen, dass es einfach unterschiedliche Lerntypen gibt. Da gibt es Menschen, die gerne lesen und den gelesenen Inhalt auch wunderbar in die Praxis umsetzen können. Andere schauen gerne Videos und üben dann gerne allein in Wald & Flur. Wieder andere brauchen den Dialog und die sofortige Hilfestellung durch den Coach. Jeder ist halt anders und das ist auch gut so. Jeder Lerntyp sucht sich das Angebot, das am besten zu ihm passt.

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Foto: canva.

Warum kauft man digitales Hundetraining?

Fragt man Menschen nach ihren Gründen für ein Onlineprodukt gibt es die unterschiedlichsten Motivationen:

• Menschen, die sehr flexible Arbeitszeiten haben , greifen gerne auf die digitalen Möglichkeiten zurück, weil sie den fixen Termin in der Hundeschule nicht schaffen
• es gibt keine passende Hundeschule in der Nähe oder diese ist aus anderen Gründen schwer erreichbar
• schlechte Erfahrung in bisherigen Hundeschulen oder die Angst sich in der Hundeschule zu blamieren
• der Hund ist nicht sozialverträglich oder kann aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Präsenzunterricht
• unsichere Hunde können in vertrauter, häuslicher Umgebung besser lernen
• die Menschen möchten sich den Coach erst einmal anschauen und dann entscheiden, ob sie die Hundeschule besuchen
• es gibt Menschen, die die direkte Lehrer-Schüler-Situation nicht mögen oder die nicht an einem Gruppenunterricht teilnehmen möchten
• Online-Angebote sind oftmals günstiger
• Vorort-Training ist in Folge der COVID-Situation nicht möglich oder zu unsicher
• usw..

Diese Liste ist durchaus beliebig fortsetzbar. Die Gründe sie sind stichhaltig und als DienstleisterIn sollte ich sie in meiner Produktpalette „mitdenken“.

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Foto: canva.

Gute Argumente gegen Online-Training

Ein Hauptgegenargument gegen Online-Training ist der fehlende persönliche Kontakt zwischen TrainerIn, HalterIn und Hund. Das ist so – je nach Produkt mehr oder weniger ausgeprägt.

Ich übe mich im Moment im Online-Yoga. Die direkte Korrektur durch meine Yoga-Lehrerin fehlt, aber sollte ich es deshalb lieber ganz lassen? Nein, jede Bewegung tut mir gut, auch wenn die Ausführung möglicherweise nicht perfekt ist.

Das ist durchaus auf das Hundetraining übertragbar. Es gibt sehr viele Dinge, die online erklärbar sind und die auch keine Katastrophe auslösen, wenn die Ausführung nicht 100%ig ist.

Viele digitale Angebote versuchen diesen Nachteil durch persönliche Meetings im virtuellen Raum, privaten Gruppen in den sozialen Medien oder durch persönliches Feedback zu Trainingsvideos auszugleichen. Ehrlicherweise wird dies aber das persönliche Erleben einer Hundestunde nie zu 100% ersetzen können.

Natürlich gibt es Grenzen des Online-Trainings. Schwerwiegende Verhaltensprobleme, bei den der Hund sich oder andere gefährdet und das Zusammenleben stark beeinträchtigt ist, sollten vor Ort angeschaut und persönlich betreut werden. Digitale Produkte sind hier nur begleitend einzusetzen.

Sozialen Kontakt unter Hunden kann Online-Training nicht bieten, aber möglicherweise Ideen, wie ein guter Kontakt unter Hunden gestaltet werden kann.

Online-Training erfordert eine gute technische Ausstattung auf beiden Seiten, sonst ist Frust vorprogrammiert. Menschen, die nicht technikaffin sind, werden sich mit digitalen Produkten schwer tun.

Es gibt wie überall unseriöse Angebote. Bevor sie ein Angebot kaufen, recherchieren Sie, wer hinter dem Angebot steckt und ob ihnen die Person und ihre Philosophie sympathisch ist. Finden Sie keine näheren Informationen über den Coach oder seine Ausbildung, nehmen sie lieber Abstand vom Kauf. Viele TrainerInnen bieten kostenlose Info-Webinare oder ähnliches an. Hier kann man schauen, ob einen das Angebot anspricht und die Chemie stimmt.

Als Kunde kann ich mir also tatsächlich die Produkte suchen, die für mich und mein Leben am besten passen. Die Qual der Wahl bleibt natürlich, aber einen Versuch ist es wert.

Mein Fazit:

Die Welt ist im Wandel. Die Zeit ist ein wertvolles Gut und jeder versucht sie so effizient wie möglich zu gestalten. Viele Menschen nutzen gerne digitale Produkte, ob es mir passt oder nicht. Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Digitale Produkte ergänzen mein Coaching- und Trainingsangebot. Digital und doch persönlich ist möglich, wenn man die Produkte kombiniert. Mein erster Online-Hundekrimi im ersten Lockdown war ein Highlight in 2020 mit viel Spaß und intensivem Austausch. Für mich sind digitale Projekte ein Bestandteil meines Angebots, das ich nicht mehr missen möchte.

Bettina Specht ist allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige für Hunde und tierschutzqualifizierte Trainerin in der Hundeschule Tirol.

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Kontakt:

[email protected]
www.voeht.at

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