Hunde am Limit
Hunde am Limit / Hunde im Dauerstress dank Reizüberflutung im Alltag

Everywhere-Dogs im Dauerstress

Warum wirken unsere Hunde immer gestresster undverhaltensauffälliger? Hört man sich in Hundekreisen um, wirkt es so, als gäbe es die wirklich unkomplizierten Hunde, die freundlich mit Mensch und Tier sind, keine Verhaltensauffälligkeiten oder Allergien zeigen und pumperlgesund und lustig sind, kaum mehr. Warum aber werden immer mehr Hunde vom Begleiter zum Projekt? Wir haben nachgeforscht!

Vom Hofhund zum Alltagsbegleiter: Der Hund in der modernen Welt

Wenn wir uns ansehen, warum unsere Hunde im Alltag unter Strom stehen, müssen wir zuallererst eine Analyse der sich verändernden Lebensbedingungen vornehmen und deren Folgen beleuchten. Denn in den letzten Jahrzehnten hat sich der Status des Hundes enorm verändert. Vom Haus- und Hofwächter oder Jagdbegleiter ohne Rechte mit einigen Pflichten wurde der Hund zum Partnerersatz mit Kinderstatus, der einen Freizeitpartner, besten Freund, Bürohund, Therapiebegleithund, Suchhund, Social-Media-Star oder dergleichen verkörpert.

Everywhere-Dogs: Wenn Hunde überall dabei sein müssen

Ich nenne diese Hunde gerne Every-where Dogs, denn sie sind überall und allgegenwärtig und damit mitten in der Vermenschlichung verhaftet. Der Hund ist somit zu (fast) allem mutiert, was er im Grunde nicht ist. Wir erwarten, dass unser Hund uns überallhin freudig und unauffällig begleitet: ins Büro, ins Café, in die Innenstadt, zu Freund:innen, in den Urlaub, zur Freizeitbeschäftigung usw. Damit haben sich die Ansprüche an unsere vierbeinigen Freunde enorm verändert – die moderne Welt und die Reizüberflutung überfordern auch unsere Hunde! Der eine leidet still an der Leine vor sich hin, der andere zeigt aufrüttelnde Verhaltensprobleme, die mit neuerlichen Emotionen der Hundemenschen quittiert werden, wieder andere zeigen Stress auf vielerlei Arten. Kurz gesagt: Es handeltsich um ganz schön viele Ansprüche und Emotionen, die mit der Hundehaltung einhergehen!

Wenn Erwartungen Hunde krank machen

Unsere Erwartungshaltung und das Pensum machen unsere Hunde krank. Als Besitzer:innen auffälliger oder gestresster Hunde sollten wir uns klar machen, dass wir dafür verantwortlich sind, die Welt für unsere Hunde zu entschleunigen. Nur so können sie vom Dauerstress in den Ruhemodus wechseln. Weniger Action bedeutet mehr Lebensqualität!

Schlaf heilt und der Körper nimmt sich, was er braucht. /Foto: Damedeeso (Canva)
(c) Damedeeso - Canva

Wie viel Ruhe brauchen Hunde wirklich?

18 bis 22 Stunden Ruhephase bzw. Dösen oder Schlaf am Tag würden Hunde benötigen, um in ihrer Mitte zu sein. Welpen, Junghunde und Senioren benötigen sogar noch mehr oder eine andere Verteilung. Augenscheinlich passen unsere besten Freunde damit gar nicht gut in unsere schnelllebige Zeit. Chronischer Schlafmangel ist das Resultat. Und der wirkt sich oft fatal aus, denn nach müde kommt blöd. Ein übermüdeter Hund kann seine Impulse schlechter kontrollieren, er reagiert weit animalischer, als es seinen Menschen lieb ist. Er zeigt unerfreuliche Übersprungshand-lungen oder Stressstrategien, die nicht gut in den Alltag integrierbar sind.

Gegen Stess bei Hunden: Kunst der Pause

Rasten und ruhen will gelernt sein! Wir neigen dazu, unsere im Alltag gestressten Hunde bewegungstechnisch auch noch zu überfordern. Bei dem Ansatz, dass nur ein müder Hund ein guter Hund ist, handelt es sich um ein Relikt aus grauer Urzeit der Hundeerziehung. Längst weiß man, dass körperliche Auslastung mit Maß und Ziel erfolgen sollte und dass der Game Changer für mehr Lebensqualität in weniger Action begründet liegt. Der überdrehte Hund braucht nicht mehr Bewegung, sondern einen ruhigeren Alltag, eine sinnvollere und hundegerechtere Auslastung, etwa Nasenarbeit statt Ballspiel, und vor allem mehr Ruhe zuhause. Das zukunftssichere Projekt lautet somit Ruhemodus statt Überforderung. Ein weiteres großes Problem der Hunde-generation: Stress liegt in der Spiegelung der menschlichen Emotionen begründet. Die Vermenschlichung und die hohe Er-wartungshaltung bringen auch mit sich, dass unsere Hunde sehr nahe an uns dran sind. Als Meister darin, unsere Gefühle wahrzunehmen und zu spiegeln, sind auch sie gestresst und gehetzt, erschöpft und müde, wenn wir es sind. Denn unsere Stimmungen übertragen sich auf unsere Tiere. Die Lösung?

Warum Hunde auch eine Pause von uns brauchen

Unser Hund ist nicht für unsere Psyche und unseren Seelenfrieden verantwortlich! Er hängt zwangsläufi g so tief in unserem sozialen Sumpf mit drinnen, dass er sehr oft eine emotionale Breitseite bekommt, wenn wir vor ihm streiten, während Arbeit oder Freizeit heftig diskutieren, argumentieren, uns trennen, umziehen usw. Gönnen wir auch unseren besten Freunden eine Pause von uns – genau dann nämlich, wenn es um ungefilterte Emotionen und Reizüberflutung geht. Denn unsere Hunde beziehen alles auf sich! Außerdem müssen sie sich nicht immer bewegen, wenn wir es tun. Denn in einem aktiven Haushalt kommen sie sogar nicht auf ihre nötigen Ruhezeiten.

Wenn Auslastung zur Überforderung wird

Der Irrglaube, man müsse Hunde kör-perlich auspowern, hält sich leider noch immer hartnäckig. Balljunkies, Trailprofis und Agility-Champions werden so aber auch von einem zum nächsten Adrenalinkick gepusht, sie schütten massiv Adrenalin und Cortisol aus und wandeln wie Süchtige in ständiger Erwartungshal-tung, die oft als Freude an der Aktivität fehlgedeutet wird. Entspannung bleibt dabei auf der Strecke, die Tiere wirken auch im Alltag fahrig und mit wenig Im-pulskontrolle ausgestattet, körperliche Probleme und Verhaltensthematiken sind vorprogrammiert. Qualität vor Quantität gilt auch hier: Nasenarbeit und ruhige Suchspiele lasten das Gehirn aus, ohne das Stresslevel unnötig in die Höhe zutreiben. Im Zuge der Urbanisierung finden sich immer mehr Menschen mit ihren Tierenauf engem Raum. Das bedeutet mehr Konfliktpotenzial und weniger Rückzugsmöglichkeiten. Hinzu kommen fragwürdige Herkunft, mangelnde Sozialisierung, zweifelhafte Zuchtstätten und Auslandstierschutz, die einen schlechten Start ins Leben und eine schlechtere Anpassungsleistung der Tiere bedeuten. Ist die Mutterhündin während der Trächtigkeit großem Stress ausgesetzt, wirkt sich dies ein Leben lang auf die Stressresistenz ihrer Welpen aus. Haben diese außerdem in der Prägephase wenig kennengelernt, bleibt das Nervenkostüm schlechter –auch dann, wenn sich der Hundemensch sehr ums Nachlernen bemüht!

Hund beim Arzt
- Foto: Africa Images (Canva)

Verhaltensauffälligkeiten beim Hund: Erst Gesundheit abklären

Treten Verhaltensauffälligkeiten auf, sollte der erste Weg immer zu Tierärzt:innen führen. Verhaltensänderungen haben oft schleichende Ursachen, etwa Gelenksprobleme, Schmerzen, Schilddrüsenfehlfunktionen, ein Krebsgeschehen, nachlassende Sinne, Alterungsprozesse oder Ähnliches. Aufmerksame Hundefreund:innen tauschen sich auch untereinander aus: Welchen Eindruck hast du von meinem Hund? Ist sein Gangbild unauffällig, ist das Fell schön, wirkt er fit oder gestresst?

Zu viele Tipps, zu wenig Klarheit: Warum Hundehalter:innen verunsichert werden

Und last but not least: Durch das Überangebot an Online-Ratgebern, Hundeschulen, Podcasts, Hundeflüsterer:innen usw. herrscht ein regelrechtes Informationsdilemma, das auf den ersten Blick vor Widersprüchen nur so strotzt. Halter:innen probieren wechselnde Methoden aus, werden verunsichert von Ratschlägen anderer und weichen dadurch vom klaren, strukturierten Weg oftmals ab, was den Hund noch mehr verwirrt und noch gestresster macht.

Die wichtigste Frage im Umgang mit Hunden

Weil nicht jedem zuzumuten ist, auf dem neuesten Stand der Wissenschaft zu sein, wenn es um die Auswahl des besten Trainingsansatzes geht, sollte eine goldene Regel immer Geltung haben: Frage dich bei allem, was du mit und für deinen Hund und vor allem gegen ihn tust, immer: Würde ich hier und jetzt Hund sein wollen?

📚 Zum Weiterlesen: Tipps gegen Stress beim Vierbeiner

Das könnte dir auch gefallen