Hund-Mensch-Beziehung: Wer braucht wen mehr?

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Seit mehr als 30.000 Jahren gibt es die sogenannte Hund-Mensch-Beziehung. Vierbeiner und Zweibeiner sind einander vielleicht oft zu Recht wichtigere Sozialpartner als die eigenen Artgenossen. / Foto: Pexels

Eines steht außer Frage: Die Hund-Mensch-Beziehung ist seit Jahrtausenden eine absolute Erfolgsgeschichte. Wie es dazu kam und was dabei am wichtigsten ist, beschäftigt die Forschung nach wie vor.

Gerade in einer Welt, die nicht stillzustehen scheint, wo die Pflege von sozialen Kontakten zunehmend mit der Tippfreudigkeit auf Handy- oder Computertastatur einhergeht, zeigen uns die Fellnasen den Weg zurück zur Natur. Auch zu unserer eigenen. Die Hund-Mensch-Beziehung tut uns gut. Denn Vierbeiner sehen uns so, wie wir wirklich sind, verstellen müssen wir uns anderswo. Und sie lehren uns, uns auf das zurückzubesinnen, was wirklich wichtig ist im Leben.

Klar, da gibt es diese Sorte Menschen, die Hunde so gar nicht gebrauchen können. Nämlich auch nicht das Gebell des Nachbarhundes oder die Begegnungen in Parks, wo man sich durch so manches ungestüme Fellknäuel in seiner Ruhe doch sehr gestört fühlen kann. Von dieser Gruppierung soll hier nicht die Rede sein. Obwohl – gerade sie bräuchten den Hund als Lehrer in Sachen Sozialkompetenz vielleicht sogar am nötigsten. Da ticken Hunde nämlich sehr ähnlich wie wir. Und einmal ganz ehrlich: Als „Hundemensch“ wird man vermutlich nie verstehen, warum nicht jeder Zweibeiner beim Anblick eines Welpen dahinschmilzt.

Nun gut, jetzt bin ich beim Thema Hund eher alles andere als objektiv. Aber zahlreiche wissenschaftliche Ergebnisse der letzten Jahre bestätigen mich. Sie belegen, dass unsere geliebten Vierbeiner „wahre Wunder als Gefährten im Zusammenleben mit Kindern, Alten, aber auch mit Erwachsenen in der Rushhour ihres Lebens“ bewirken, wie der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal in seinem Buch „Hund und Mensch – Das Geheimnis unserer Seelenverwandtschaft“ schreibt.

Seit Jahrtausenden verbunden

Der Experte ist überzeugt, „dass das an unserer langen gemeinsamen Geschichte liegt. Denn seit mehr als 30.000 Jahren leben so gut wie alle Menschen in mehr oder weniger engem Kontakt zu Hunden. Will man Menschen verstehen, wäre es seltsam, die Beziehung zum Hund nicht mitzudenken und mitzuforschen – manche unter unseren Kolleginnen und Kollegen halten Hunde sogar in vielerlei Aspekten für geeigneter, das menschliche Sozialverhalten zu verstehen, als zum Beispiel die viel näher mit uns verwandten Schimpansen.“

Nicht nur, dass Hunde den Menschen immer schon unzählige unverzichtbare Dienste erwiesen haben: Sie waren und sind Jagdkumpane, Gefährten im Krieg, zeigen heutzutage unter anderem als Rettungs-, Dienst- oder Therapiehunde vollen Einsatz. Vor allem sind sie aber Sozialkumpane. „In Beziehung zu Hunden fühlen sich Menschen nicht nur subjektiv wohler als Leute ohne Hund, sie sind auch tatsächlich aktiver, sozial besser vernetzt und gesünder, wie umfassende und weltweite Studien zeigen“, so Kotrschal, und er meint weiter: „Wachsen Kinder mit einem Hundegefährten auf, bedeutet das Vorteile für ihre körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, für ihr Selbstbewusstsein und ihre Verantwortung für andere. Kinder und Hunde, Menschen und Hunde, gehören deshalb zusammen.“

Aus der Hundesicht

Wie aber sehen unsere Fellnasen die Hund-Mensch-Beziehung? Sind sie uns gerne derart dienlich oder kämen sie auch ohne uns oft sehr komplizierte Zweibeiner zurecht? Ist es zum Beispiel immer sinnvoll, den Straßenhund mit dem treuherzigen Blick aus dem Urlaub einzupacken und zu retten, wo er doch ganz gut mit seinen Artgenossen zusammenlebt?Die Antwort lautet: Jein.

Bleiben wir bei den Straßenhunden. Auch sie leben in einer gewissen Symbiose mit den Menschen. Streunen im Dorf umher, stibitzen sich deren Essensreste und holen sich von dem ein oder anderen Urlauber ihre Streicheleinheit. Mein Podenco aus dem Süden kann bis heute gut und gerne aufs Kuscheln verzichten und zieht sich gerne zurück, will mich aber in der Nähe wissen – und ich natürlich ihn. Auch für Hunde gilt allem Anschein nach: Menschen sind für sie „offensichtlich wichtiger geworden als die eigenen Artgenossen“.

Viele nehmen an, dass aus den wilden und aggressiven Wölfen schrittweise die sanften, uns zugewandten und kooperationsbereiten Hunde wurden. Aber Hunde wurden nicht einfach nur netter. Ihre Anpassungen an alle Arten von Menschen und Lebensumstände erzeugten ein komplexes Mosaik von Eigenschaften, aus dem die ganze Vielfalt der heute lebenden Hunde mit ihren auch genetisch nachweisbaren Unterschieden wurde.“

Ganz offensichtlich wäre ohne den Menschen auch der Hund nicht der, der er heutzutage ist. Und (vor allem) umgekehrt: Mehr denn je brauchen wir unsere Vierbeiner als „soziale Schmiermittel“. So meint Kotrschal auch: „Noch nie lebten so viele Menschen gleichzeitig, noch nie waren wir anthropozentrischer, also stärker auf uns Menschen konzentriert, als heute. In dieser komplexen, oft Angst machenden Zeit übernehmen Hunde immer öfter die Rolle eines ‚emotionalen Blindenhunds‘ oder eines ‚sozialen Pfadfinders‘.“