Assistenzhunde bedeuten Teilhabe – keinen Luxus
Warum sich in Deutschland endlich etwas ändern muss
Wenn ich nachts wach werde und Angst habe, reicht oft schon, dass Simba bei mir ist. Er beruhigt mich, allein seine Nähe gibt mir Sicherheit. In einem vollen Zug kann ich ihn streicheln und mich auf ihn konzentrieren. Das verhindert, dass ich in Panik gerate. Er ist mein bester Freund, mein Helfer und seine gute Laune steckt einen einfach an. Er lernt gerade, das Licht einzuschalten, wenn es dunkel ist und mich die Angst überfällt. Beim Einkaufen stellt er sich so hin, dass zwischen mir und anderen Menschen Abstand bleibt. Dieses Blocken verschafft mir Ruhe in Situationen, die mich sonst überfordern würden.
Ich lebe mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Jeden Tag arbeite ich daran, mit meinen Symptomen umzugehen. Ich gehe zur Therapie, setze mich mit meinen Panikattacken auseinander und mache Traumabearbeitung. Es ist ein Kampf, der nicht linear verläuft. Mal geht es bergauf, dann wieder zurück. Auch depressive Episoden gehören dazu. Simba nimmt mir diese Krankheit nicht, aber er gibt mir Halt. Er bringt mich zum Lachen, auch wenn ich eine schwierige Phase habe und um mich herum alles dunkel ist. Er begleitet mich durch schwierige Zeiten und erinnert mich daran, dass es sich lohnt, weiterzumachen.
Ausbildung zum Assistenzhund – ein Kraftakt
Seit Simba ein Welpe ist, trainieren wir für seine Ausbildung zum Assistenzhund. Dieser Weg ist nicht nur emotional und zeitlich fordernd, sondern auch finanziell. Die Kosten übernimmt der Staat nicht.
Dank Spenden und der Unterstützung der Rosengarten-Stiftung und der Peter-Raum-Stiftung ist die Ausbildung möglich. Viele Betroffene haben dieses Glück nicht. Die Suche nach Stiftungen, das Erklären der eigenen Situation und das Werben um Hilfe kosten sehr viel Kraft. Menschen mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen haben diese Kraft oft nicht.
Darum habe ich eine Petition gestartet, damit die Kosten künftig übernommen werden. Assistenzhunde sind im § 12e des Behindertengleichstellungsgesetzes (BGG) ausdrücklich als Teilhabeleistung anerkannt. Sie sind so wichtig wie Rollstühle oder Hörgeräte. Wer sie braucht, darf nicht an den Kosten scheitern.
Prüfungsstillstand bei Assistenzhunden in Deutschland – 3.000 Teams warten
In einem halben Jahr könnten Simba und ich zur Prüfung zugelassen werden. Diese Prüfung ist notwendig, um offiziell als Assistenzhund-Team anerkannt zu werden. Doch derzeit gibt es in Deutschland keine funktionierende Zulassungsstelle.
Ich habe das Bundesministerium für Arbeit und Soziales direkt angeschrieben. Die Antwort, die ich erhielt, war frustrierend: Man wisse dort selbst nicht, wie es weitergeht. Seit über einem Jahr warten rund 3.000 Teams. Ohne Prüfung gibt es keine Anerkennung, ohne Anerkennung fehlen Rechte wie der sichere Zugang zu öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln oder die rechtliche Absicherung im Mietrecht. Für mich ist das besonders belastend, denn ein Assistenzhund in Ausbildung hat keine offiziellen Rechte. Wenn es bald keine Lösung gibt, stehen auch wir in einem halben Jahr vor genau diesem Problem. Wir müssen weiter trainieren, brauchen weiterhin finanzielle Unterstützung und leben ohne die Sicherheit, die eine Anerkennung bieten würde.
Österreich als Vorbild
In Österreich ist klar geregelt, wie ein Hund zum anerkannten Assistenzhund wird. Zuständig ist das Messerli-Forschungsinstitut in Wien. Gesundheit, Verhalten und Arbeitsleistung werden geprüft. Nach Bestehen wird der Hund im Behindertenpass eingetragen und erhält klare Rechte wie den Zugang zu öffentlichen Orten.
Diese Struktur gibt Betroffenen von Anfang an Sicherheit. Man weiß, wer zuständig ist, wie der Weg zur Anerkennung aussieht und welche Rechte danach bestehen. Deutschland hat zwar mit der Assistenzhundeverordnung einen wichtigen Schritt gemacht, aber unklare Zuständigkeiten, fehlende Prüfinstanzen und die Kostenfrage sind weiterhin ungelöst.
Was sich ändern muss
Die Politik muss handeln:
- Funktionierende Prüf- und Zulassungsstruktur.
- Einheitliche Kostenübernahme für alle, die einen Assistenzhund benötigen.
- Mehr Aufklärung in der Öffentlichkeit.
Aufklärung ist besonders wichtig, weil viele Menschen nicht wissen, was ein Assistenzhund ist oder wie die Ausbildung abläuft. Leider müssen auch Assistenzhunde in echten Alltagssituationen lernen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Ich habe mit einem Supermarkt in meiner Nähe abgesprochen, dass ich mit Simba dort üben darf, aber es gibt dazu keine einheitliche Regelung. Man muss immer hoffen, dass die Menschen vor Ort kulant sind.
Das bedeutet oft, dass man zunächst diskutieren muss, bevor man überhaupt trainieren kann. Währenddessen wird man häufig beobachtet oder manche Menschen werden sogar sehr unfreundlich zu einem. Wenn ich in einer schlechten Phase bin, ist das schwer auszuhalten. Manchmal gehe ich dann lieber ohne Simba einkaufen, um nicht noch diese zusätzliche Belastung zu haben. Es geht eigentlich niemanden etwas an, warum ich einen Assistenzhund habe. Nur weil man meine Behinderung nicht sieht, heißt das nicht, dass man mich ansprechen oder kommentieren darf. Unsichtbare Behinderungen sind genauso real wie sichtbare.
Ein Assistenzhund ist für viele Menschen der Schlüssel zu mehr Sicherheit, Selbstständigkeit und Lebensqualität.
Simba ist nicht nur mein Hund, er ist mein kleiner Engel und meine Helferpfote. Ich bin dankbar, dass ich ihn habe, und durch ihn geht es mir deutlich besser. Natürlich hoffe ich, eines Tages weniger Unterstützung zu brauchen. Aber egal, wie sich mein Leben entwickelt, Simba wird immer an meiner Seite bleiben. Und sollte er irgendwann nicht mehr als Assistenzhund arbeiten müssen, dann als geliebter Familienhund.
Angélique Lauckner
Angélique Lauckner lebt gemeinsam mit ihrem Hund Simba, der sich derzeit in der Ausbildung zum Assistenzhund befindet. Seit er im Mai 2023 zu ihr kam, sind die beiden ein eingespieltes Team – ob im Alltag, beim Hundesport oder auf Reisen bis nach Wales. Mit viel Freude setzt sie aktuell ein Kinderbuch um, in dem sie kreativ Ängste und die wertvolle Arbeit von Assistenzhunden thematisiert. Besonders stolz ist sie darauf, gemeinsam mit Simba bei Top Dog Germany dabei gewesen zu sein – ein unvergessliches Erlebnis, das die enge Bindung zwischen ihr und ihrem Hund noch einmal sichtbar machte.
Disclaimer: Gastkommentare lassen Expert:innen, Fachleute und engegierte Leser:innen zu Wort kommen. Sie geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder.