Hi! Ich bins wieder… die mit dem Angsthund.
Tja, eigentlich mag ich diese Begriffe nicht so – denn kein Hund besteht nur aus Angst – aber Ivie beschreibt es trotzdem sehr treffend. Sie hatte wirklich vor allem und jedem Angst. Den Anfang unserer Geschichte könnt ihr in den ersten beiden Beiträgen nachlesen. Ihr bekommt von mir einen kleinen Einblick in die Freuden und Schrecken im Leben mit einem besonderen Hund. Denn das ist Ivie defintiv: besonders.
Ivies Fortschritte
Wie letztes Mal schon angekündigt, ist der banale Alltag schon eine große Herausforderung, aber dann wirft einem das Leben halt auch noch zusätzliche Stolpersteine in den Weg.
Ivie war mittlerweile zwei Monate bei mir. Ihre Scheu vor Tageslicht hatte sie noch nicht ganz überwunden, jedoch sah ich immer öfter auch tagsüber was von ihr und sie erkundete die Wohnung todesmutig auch manchmal bei Sonnenschein. Sie vertraute mir immerhin schon deutlich mehr und verbrachte die Abende gerne mit mir auf der Couch. Die Nächte waren immernoch lang, aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Was mir allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass sie langsam zu groß wurde für ihr geliebtes Sicherheitsversteck unterm Bett.
Nur noch mit Ach und Krach konnte sie sich unters Bett und wieder hervor kämpfen. Doch das war leider nicht das einzige Problem, das auf mich wartete.
Ivie braucht einen Tierarzt…
Ivie hatte vor Draußen immer noch solche Panik, dass sie prinzipiell nur nachts in den Garten ging. Geschirr und Leine – keine Chance. Spazieren sowieso nicht. Aber: Was macht man wenn so ein Hund dann krank wird? Was kann man tun, wenn man nicht einfach beim Tierarzt reinspazieren kann? Das war die nächste große Hürde, denn Ivie zeigte erste Anzeichen von Schmerzen. Auch ihr Juckreiz, den sie seit Tag 1 bei mir hatte, wurde nicht besser.
Tage vergingen, es war mal besser mal schlechter. Als sich aber die Anzeichen für Ivies Unwohlsein häuften, musste ich einen Plan schmieden.
Ich wusste, es kann nicht warten bis wir soweit sind; bis Ivie so weit ist, dass wir einfach zum Tierarzt gehen können. Mittlerweile hatte sie alle Anzeichen einer Blasenentzündung, aber darüber hinaus schien sie auch besonders nachts Schmerzen zu haben und ich machte mir zunehmend Sorgen um sie. Da stand ich nun, müde von den vielen durchgemachten Nächten, vor einem furchtbaren Dilemma. Ein Trauma in Kauf nehmen, sich von allen Fortschritten verabschieden und um sie jeden Preis untersuchen lassen? Oder abwarten und die Gesundheit riskieren?
So sehr ich es Ivie ersparen wollte und so unmöglich es mir vorkam, dass jemand Fremdes sie ohne Drama untersuchen kann, so sehr wollte ich ihr aber auch helfen. Leider spitzte sich Ivies Zustand in den folgenden Tagen immer mehr zu. Sie verkroch sich wieder hauptsächlich unterm Bett und kam auch nachts kaum hervor. Eines Nachts winselte sie unterm Bett vor sich hin und mir war klar: Egal wie unangenehm es wird, sie muss untersucht werden.
Wie bekommt man einen Angsthund zum Tierarzt?!
Ich hatte gehofft, es gibt eine Möglichkeit, sie so zu sedieren, dass sie kaum etwas von einer Untersuchung mitbekommen würde. Funktioniert bei Löwen im Zoo ja auch. Leider wurde mir nach einigen Telefonaten mit verschiedensten Tierärzt:innen klar, dass für einen so ängstlichen Hund wenig Verständnis herrscht. „Einfach so sedieren wir keinen Hund!“
Ich wusste, es wird mühsam, und trotzdem war ich ehrlich irritiert von dem Unverständnis für einen Angsthund, der es nicht zum Tierarzt schafft. Wenn Fachleute sowas nicht kennen, wieso soll ich dann wissen, was zu tun ist? Als wären wir die einzigen auf der Welt, denen es so geht. Immerhin gibt es Tierärzte, die auch nachhause kommen, doch auch unter denen fand sich wenig Verständnis.
Wenig Verständnis
Und so kam es leider, wie es kommen musste. Trotz aller Mühen, Vorgespräche, Bitten um Betäubung…Ich war lästig, ich war nervig, ja wahrscheinlich am Ende auch hysterisch bei den Telefonaten vor dem Termin. Alles nur, um verständlich zu machen, dass Ivie kein normaler Hund ist. Und auch kein Hund, der nur ein bisschen ängstlich ist.
Die Tierarztaktion
Der Tag der Tierarztaktion kam und so sehr ich auch versucht habe, das Trauma so gering wie möglich zu halten, mein Bauchgefühl wusste bereits, dass es schlimm wird und was soll ich euch sagen… es wurde eine Katastrophe.
Ich erspare euch die Details, die Kurzfassung jedenfalls: Blut wurde abgenommen und es war denkbar unschön.
So viele Erfolge niedergemäht, so viel Vertrauen zerstört und genug Trauma, dass es für uns beide reicht. Die Wohnung ist wieder zum Fürchten. Das Bett ist auch kein heiliger, sicherer Rückzugsort mehr.
Wir geben nicht auf
Aber wir geben nicht auf. Ich gebe nicht auf. Ich habe Ivie von Anfang an versprochen, ich lasse sie nie mehr im Stich und auch wenn es sich anfühlt als hätte ich versagt, kann ich ihr hoffentlich bald die Schmerzen nehmen und es wird ihr besser gehen. Und eines Tages ist die Erinnerung verblasst und es ist nur noch ein böser Traum für uns beide. Versprochen.
Sabine Lehner
Sabine ist 2023 versehentlich zur Angsthundemama geworden und geht seither mit reichlich Herz und Humor durch den holprigen Alltag. Durch ihre Hündin Ivie musste sie lernen, dass nichts selbstverständlich ist und dass das Leben mit einem schwierigen Hund einem einiges abverlangt. Als Team sind sie dennoch oder gerade deswegen unzertrennlich.