Achtsamkeit im Training

Achtsamkeit im Training

von Gastautor
Nahaufnahme einer Frau, die ihren Hund liebevoll küsst, in Schwarz-Weiß. Perfekt für Tierliebhaber und Hundebesitzer, die die besondere Bindung zu ihren Vierbeinern zeigen möchten.

Warum Nichtstun manchmal die beste Entscheidung ist


Einatmen. Gaaanz tief. Ausatmen. Und das noch tiefer und länger. Weil in der Ruhe die Kraft liegt. Und im Hier und Jetzt. So können wir brenzligen Situationen die Schärfe nehmen. Was nicht nur uns gut tut. Auch unseren vierbeinigen Lieblingen.


Achtsamkeit im Hundetraining: die Park-Situation


Du sitzt im Park mit deinem Hund, vertieft in ein Buch. Von der Ferne dringt ein Bellen an dein Ohr, das fast so klingt wie das deines Hundes – bis du feststellst: Es ist das deines Hundes. Raus aus den Gedanken, rein in die Situation. Leine kurz, schimpfen, Druck – und hoffen, dass es keiner gesehen hat. Erst danach fragst du dich, was diese Reaktion eigentlich ausgelöst hat. Schluss mit der Ruhe, die Gedanken sind aufgewirbelt – warum hat er das gemacht? Dieses "Warum" nimmst du den ganzen Tag mit dir mit, wie einen kleinen vollen Kotbeutel, an dem wir nochmal riechen, damit wir uns so richtig schlecht fühlen.


Reiz-Reaktions-Kette bei Hund und Mensch


Dieses Beispiel kommt nicht von ungefähr. Ich bin Dosenöffnerin und Spaßzentrum eines Kleinspitz-Duos – diese Momente kenne ich nur zu gut. Was ist passiert und wie kommen wir da wieder raus? Kurz und knapp: Eine Misskommunikation und der Einsatz der klassischen Reiz-Reaktions-Kette, sowohl vom Hund als auch vom Menschen. Das geht aber auch anders – das Nichtstun können wir mit in die Reiz-Reaktions-Kette einbauen. Dafür müssen wir aber lernen, im Moment zu bleiben und diesen wertfrei wahrzunehmen. Das Gute: Das ist trainierbar! Das Bessere: Ohne externe Lernverstärker wie Leckerlis oder Spielzeuge! Die meisten Fehler im Hundetraining passieren nicht, weil wir zu wenig tun – sondern weil wir zu schnell, zu viel und zu unbewusst reagieren.


Bewusste Pause im Hundetraining


Achtsamkeit heißt hier nicht Meditation auf der Hundewiese, sondern: die Fähigkeit, zwischen Reiz und Reaktion eine Pause einzulegen. In erster Linie für dich als Mensch, nicht nur als Technik für den Hund. Denn der erste Schritt beginnt immer bei uns selbst. Widmen wir uns nochmal der Reiz-Reaktions-Kette. Besprechen wir die klassische Version anhand unseres Beispiels: Reiz = Bellen meines Hundes. Reaktion = Leinenruck und Schimpfen. Das geht rasant. Unser Gehirn muss zwischen unendlich vielen Reizen filtern und Entscheidungen treffen, und in unserer schnelllebigen Welt ist die Überforderung quasi vorprogrammiert. Wenn das geschieht, verabschiedet sich das Bewusstsein und der Autopilot übernimmt – jedoch nicht immer so, wie wir es uns wünschen.


Achtsamkeit und Alltag: raus aus dem Autopiloten


Schon mal Impulsivkäufe getätigt? Auch beliebt in der Unachtsamkeitstabelle: Ausraster beim Autofahren. Das sind Momente, in denen wir uns vom aktuellen Moment entfernen und in eine Reaktion driften, die mit der Situation nicht mehr viel zu tun hat. Mein Impulsivkauf steht wahrscheinlich seit Jahren ungebraucht im Keller, weil ich ihn eigentlich nicht brauche. Und der Fahrer, der mich ausgebremst hat, hatte vielleicht einen guten Grund, plötzlich in die Eisen zu gehen. Ich kann es nicht wissen, ich kann es nicht ändern – aber was ich ändern kann, ist meine Einstellung dazu.


Bewusstes Atmen gegen Stress


Kommen wir zur Auflösung – und bitte nicht von der Einfachheit enttäuscht sein: Wir atmen. Richtig gelesen. Wir atmen – jedoch bewusst. Denn dadurch können wir auf unser eigenes Stresssystem wirken und schieben uns mit mehr und mehr Übung eine Reaktionspause ein. Dann sieht die Kette schon ganz anders aus: Wir nehmen einen Reiz wahr, wir atmen, wir nehmen den Reiz für das, was er ist – nicht mehr, aber auch nicht weniger – und dann handeln wir. Die Reaktion wird bedeutend gedämpfter ausfallen. Übrigens: Die traditionelle Konditionierungslehre fordert, dass wir innerhalb von 3 Sekunden auf das Verhalten unseres Hundes reagieren müssen. Neuere Erkenntnisse aus der Kognitionsforschung zeigen, dass das so nicht mehr haltbar ist. Die Zeit für eine bewusste Pause haben wir also tatsächlich.


Entspannung mit Hund im Alltag trainieren


Das Schöne daran: Wir trainieren das im ganz normalen Alltag, Schritt für Schritt. Nimm dir einmal am Tag eine Minute Zeit. Atme bewusst durch die Nase ein und länger durch den Mund aus. Beobachte, was passiert: Verändern sich deine Schultern, entspannt sich ein Muskel im Gesicht, werden die Gedanken ruhiger? Wie hilft das nun bei der Park-Situation? Wenn ich im Park sitze, mache ich eine Atemübung mit meinem Hund. Ich habe meinen Hund mit der Leine gesichert, lege meine Hände auf ihn, atme tief ein und tiefer aus. Durch den Körperkontakt spüre ich seinen Puls und seine Atmung – und er spürt meine.


Ruhig bleiben trotz Reiz


Wenn jemand an uns vorbeikommt – in einer Distanz, die für meinen Hund noch aushaltbar ist – dann atme ich ruhig weiter und rede in ganz ruhiger Tonlage mit ihm. Mein Hund merkt: Der Reiz ist da, aber mein Mensch bleibt ruhig. Je öfter wir das wiederholen, desto mehr lernt mein Hund, Reize wahrzunehmen, ohne sofort darauf reagieren zu müssen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich mit meinen Hunden einfach "nichts" getan habe, damit sie mir nicht jeden Passanten ankündigen, der eventuell an unserer Picknickdecke vorbei möchte. Aber der Aufwand hat sich gelohnt: Heute können wir entspannt auf der Wiese chillen und andere Menschen und Hunde dürfen koexistieren.


Ruhe-Coach und Umwelt-Friedensvermittlerin


Am Anfang dieses Artikels habe ich mich als Dosenöffnerin und Spaßzentrum vorgestellt. Heute bin ich noch etwas mehr: Ruhe-Coach und Umwelt-Friedensvermittlerin. Wir sind nicht nur in einer Rolle für unseren Hund – und uns dessen bewusst zu werden, ist Achtsamkeit.

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