Was bedeutet “Sozialisierungsphase bei Hunden”?

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Als Sozialisierungsphase bei Hunden werden die ersten Lebensmonate bezeichnet, doch auch danach können unsere Vierbeiner Neues erlernen. / Foto: Pexels

Sozialisierung – das magische Wort in der Hundeerziehung. Lange Zeit war man der Meinung, wenn die Sozialisierungsphase bei Hunden vorbei ist, dann ist der Zug abgefahren. Aber was steckt genau hinter dieser sensiblen Phase? Und handelt es sich dabei überhaupt um einen genau definierbaren Zeitraum?

Eine gelungene Sozialisierungsphase bei Hunden schenkt unseren Fellnasen soziale Kompetenz, Freundlichkeit und auch Umweltsicherheit. Gut sozialisierte Vierbeiner gelten als umgängliche, gute Begleiter in der Stadt und selten unsicher. Sie sind klar in der Kommunikation und haben in der Adoleszenz wichtige positive Erfahrungen sammeln dürfen, die sie für ihr Leben wappnen.

Als Sozialisierungsphase bei Hunden versteht man etwas salopp formuliert eine hochsensible Entwicklungsphase des Jungtieres, in der die Weichen für sein späteres Leben gestellt werden. Lautete der Ratschlag früher, dem Welpen in diesem Alter alles, was er später kennen und können soll, unbedingt vorzustellen und beizubringen, lautet der Ratschlag heute (Gott sei Dank), alles mit Maß und Ziel anzugehen. Denn in dieser Lebensspanne sind die jungen Tiere hochsensibel für positive Lerninhalte, aber auch für Reizüberflutung und Fehlverknüpfungen und damit für negative, den Organismus überfordernde Erfahrungen.

Was passiert in der Sozialisierungsphase bei Hunden?

Was als Phase bezeichnet wird, ist mehr eine Altersspanne bis zum vierten/fünften Monat, in der Lernen eine fürs weitere Leben besonders prägende Bedeutung besitzt. Lernt der Hund in diesem Alter beispielsweise einen sehr freundlichen Mann mit Mantel, Hut und Regenschirm kennen, kann er eine gute Begegnung im besten Fall generalisiert abspeichern: Männer mit Mantel, Hut und Regenschirm sind prinzipiell gut. In seinem Hirn entsteht ein Bild, verknüpft mit Gerüchen, Emotionen und unbekannten Triggern, das generalisierbar ist.

Freilich funktioniert das auch in die umgekehrte, negative Richtung – und das ist die Krux an der sensiblen Sozialisierungphase bei Hunden! Ist der Vierbeiner bereits älter, wenn er gewisse Umwelterfahrungen macht, wird die Generalisierbarkeit der Lernerfahrungen immer schwieriger. Im Erwachsenenalter handelt es sich am ehesten um eine singuläre Erfahrung: Dieser eine Mann mit Mantel, Hut und Regenschirm ist freundlich.

Prägephase: Gehirn entwickelt sich

In der sogenannten Prägephase der Welpenzeit werden im Gehirn während des Lernens auf besonders intensive Weise Nervenenden verknüpft. Auf diese Lernerfahrungen kann der Hund sein gesamtes Leben lang zurückgreifen. Reize, die er in dieser Zeit angstlos kennenlernen durfte, machen ihn im besten Fall sattelfest für spätere Erfahrungen.

Wird der Hund älter, wird das Erlernen neuer Inhalte schwerer. Wir wissen das aus unserem Leben: Was wir als Kinder erlernen durften, geht uns kinderleicht von der Hand. Ganz anders sieht es aus, wenn wir im Erwachsenenalter erstmals Reitunterricht bekommen oder gar Geigespielen erlernen wollen. Aber das bedeutet keinesfalls, dass Lernen dort endet! Auch HundeseniorInnen erlernen im betagten Alter noch völlig neue Dinge, wenn man das Pensum an ihre Geschwindigkeit und ihre Konzentrationsfähigkeit anpasst.

Gibt es eine “Sozialisierungsfrist” bei Hunden?

Kann ein Hund, der zu wenig Hundekontakt in Jugendtagen erfahren durfte, dennoch sozialverträglich sein oder es werden? Es verhält sich ähnlich wie beim Reitunterricht oder dem Geigespielen-Lernen im Erwachsenenalter: Abhängig von Vorerfahrungen, Veranlagung, Motivation, Lernambiente, Stresspegel und vielen weiteren Faktoren, ist das Erlernen von Versäumtem möglich, aber nicht mit dem kinderleichten Erlernen in Jugendtagen vergleichbar.

Lernen in der ersten Lebensphase fällt deutlich leichter. Das Abrufen der frühkindlichen/-hundlichen Lerninhalte erfolgt automatisiert, es liegt uns und unseren Hunden im Blut – es ist im Organismus tief verankert. “Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr “, stimmt daher nicht ganz. Fest steht aber, dass Hänschen mit Sicherheit viel müheloser lernt.

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