Clarissa von Reinhardt: Wieder mehr Trainer mit mangelhaftem Fachwissen

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Foto: Clarissa v. Reinhardt, animal learn

Sie zählt im Hundetraining längst zu den bekannten Größen. Wir haben Clarissa von Reinhardt gefragt, wie sie die aktuelle Entwicklung im Hundetraining sieht und was gutes Hundetraining wirklich ausmacht.

Clarissa Reinhardt, wie sehen Sie die derzeitige Entwicklung des Hunde-Trainerstandes?

Mit gemischten Gefühlen. Es gibt einige fachlich sehr versierte Kollegen, die freundlich mit Mensch und Hund umgehen. Aber leider auch wieder mehr Trainer, die mit mangelhaftem Fachwissen Hund und Mensch mehr schaden als helfen.

Ist positives Hundetraining weiterhin im Vormarsch bzw. geht die Art und Weise des Hundetrainings im Allgemeinen Ihrer Meinung nach in die richtige Richtung?

Nein, leider nicht immer. Es gibt noch immer viel zu viele Menschen (Halter wie Trainer), die glauben, ein Hund müsse zu jedem Zeitpunkt alles tun, was sein Mensch von ihm verlangt – seien die Kommandos auch noch so unsinnig. In der Regel glauben dies Menschen, die nicht recht viel Ahnung vom Wesen, Sozialverhalten, der Rassekunde usw. haben, was die Unsinnigkeit der Anweisungen oft geradezu ins Lächerliche treibt. Zusätzlich ist es interessant, über die Psyche von Menschen nachzudenken, die die absolute Herrschaft über ein anderes Lebewesen anstreben. Da sind wir dann aber im Bereich der Humanpsychologie…

Was macht artgerechtes Hundetraining aus?

Ein „artgerechtes“ Training gibt es nicht. Es ist ja nicht artgerecht, auf Kommando „Sitz“, „Platz“ und „bei Fuß“ zu machen. Das Wort ist also eher ein Augenwischerei. Ein Training sollte immer nach neuesten Erkenntnissen der Lernpsychologie aufgebaut sein, Hund und Halter Spaß machen und beide auf einen guten gemeinsamen Weg bringen. Der Trainer sollte frei sein von Profilneurosen und sich wirklich darauf achten, mit Freude, möglichst stressfrei und selbstverständlich ohne Starkzwangmethoden zu arbeiten.

Clarissa von Reinhardt, Sie sagten, es gibt auch viele Trainer mit mangelndem Fachwissen. Was würden Sie Hundebesitzern raten, nach welchen Kriterien sie einen guten Trainer/eine gute Trainerin bzw. Hundeschule für Ihren Hund aussuchen sollten?

Der Trainer/ die Trainerin….

… sollte über eine fundierte Ausbildung im Umgang mit Hunden und Menschen verfügen und jederzeit in der Lage sein, diese auch nachzuweisen. Schwammige Versicherungen wie „…ich hab‘ da mal einen Kurs gemacht…“ oder „…ich weiß schon Bescheid…“ reichen nicht aus! … sollte selbstverständlich ein breit gefächertes (!!!) Fachwissen über Hunde haben und in der Lage sein, mit den unterschiedlichsten Rassen, Charakteren und Problemstellungen umzugehen.

… sollte offen sagen, wenn er/ sie noch Berufsanfänger/ in ist und Ihnen einen versierten Kollegen empfehlen, wenn er/ sie sich mit einem Training überfordert fühlt. Im Gegenzug wäre es schön, wenn Sie diese Ehrlichkeit anerkennen und nicht als Schwäche auslegen… jeder hat mal in seinem Beruf angefangen! … muss in der Lage sein zu erkennen, wann Hund und/ oder Mensch eine Pause brauchen. Sehr häufig werden beide hoffnungslos überfordert und gehen anschließend verunsichert und frustriert nach Hause.

… sollte eine stationäre Ausbildung ohne Hundebesitzer ablehnen. Die angeblich sorgfältige Einweisung von 1-5 Tagen nach dem Training kann dem Hundebesitzer niemals vermitteln, in welchen Einzelschritten der Hund die Trainingsziele erlernt hat und Sie als Hundebesitzer haben keinerlei Kontrolle darüber, WIE Ihr Hund erzogen wurde. Hinzu kommt als großer Nachteil für Sie: Ihr Hund lernt, die Übungen mit seinem Trainer auszuführen, statt mit Ihnen.

… sollte immer auskunftsfreudig sein und sich bemühen, seinem Kunden so viel Fachwissen wie nur möglich zu vermitteln. Übungen müssen im Aufbau genau erklärt, Ihre Fragen müssen beantwortet werden.

… sollte in der Lage sein, sich ganz individuell mit den einzelnen Hundebesitzern auseinandersetzen zu können und auch zu wollen! Leider vermissen viele Hundebesitzer im Training Geduld und Verständnis für ihre ganz persönlichen Probleme. Manchmal werden sie sogar unverschämter weise als „unfähig, einen Hund zu führen“ oder sogar als „zu doof“ bezeichnet.

… sollte selbstverständlich nach neuesten verhaltenskundlichen Erkenntnissen und ohne Einsatz von tierschutzrelevantem Zubehör wie Reizstromgeräten, Anti-Kläff-Halsbändern usw. arbeiten. Alle Methoden, die dem Hund erhebliche Angst oder Schmerzen zufügen, seine Persönlichkeit zerstören oder ihn in seiner Würde verletzen sind indiskutabel. Der auch heute noch viel geforderte „Kadavergehorsam“ sagt viel über die Psyche des Trainers und nichts über die des Hundes aus.

… sollte frei von Profilneurosen sein und nicht ständig damit prahlen, wie gut er/ sie ist und wie schlecht all die anderen sind. Kollegialität und Fairness sagen viel über die Charaktereigenschaften eines Menschen aus!

Ständige Fortbildung und das regelmäßige Überprüfen der eigenen Trainingsmethoden sollten eine Selbstverständlichkeit sein. Beobachten Sie Ihren Hund: Ihr Hund sollte nicht nur gern, sondern möglichst mit Begeisterung in „seine“ Schule gehen! Eine Hundeschule, die der Hund auch nach einigen Trainingsstunden nur unsicher und/ oder widerstrebend besucht, sollten Sie verlassen. Die Hunde selbst sind oft das sicherste und auch verräterischste Barometer für die Qualifikation des Trainers und die Qualität der Schule!

Hier findet ihr Bücher von Clarissa Reinhardt rund ums Hundetraining.