Wednesday, May 18, 2022
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Studie: Massive Gesundheitsprobleme durch Inzucht

Laut einer US-amerikanischen Studie entstanden viele moderne Gesundheitsprobleme durch Inzucht in einigen Hunderassen. Dennoch spielt auch die Körpergröße eine wichtige Rolle in der Gesundheit eines Hundes. Erfahren Sie hier mehr über die Ergebnisse einer der umfassendsten Genetikstudien bei Hunden!

Ein internationales Forscherteam um die Veterinärgenetikerin Danika Bannisch der University of California untersuchte in einer umfassenden Studie über 50.000 Genproben von Hunden. Zu diesem Zweck nutzten sie eine Datenbank für kommerzielle DNA-Tests für Hunde, in welcher Genproben von 227 verschiedenen Hunderassen gespeichert sind. Die Forscher untersuchten dabei die genetische Ähnlichkeit der Proben als Indikator dafür, wie nah die individuellen Hunde einer Rasse miteinander verwandt sind. Dabei können die Proben zu einem Prozent (überhaupt nicht miteinander verwandt) bis zu hundert Prozent (ident bzw. eineiige Zwillinge) übereinstimmen. Die Ergebnisse besagten, dass der durchschnittliche Inzuchtwert zwischen allen untersuchten Hunderassen bei 25 Prozent liegt. Das entspricht der genetischen Verwandtschaft von Geschwistern. Ein so hoher Inzuchtgrad ist sowohl bei Menschen als auch bei anderen Säugetierarten stark bedenklich. Selbst in von Menschen nicht kontrollierten Wildtierpopulationen vermeiden die Tiere instinktiv, sich mit nahen Verwandten wie Eltern oder Geschwistern zu paaren.

Warum wird Inzucht heute noch praktiziert?

In von Menschen kontrollierter Hundezucht war und ist es jedoch besonders in den letzten 100 Jahren normale Zuchtpraxis, Inzucht zu betreiben. Das kann einerseits daran liegen, dass die Population “reinrassiger” Hunde so klein ist, dass die meisten Tiere nah miteinander verwandt sind. Seriöse Züchter und Züchterinnen bekämpfen dieses Problem heutzutage mit Einkreuzungsprojekten sehr ähnlicher Hunderassen, um Charakter und Erscheinungsbild möglichst beizubehalten und trotzdem für frisches Blut in den Stammbäumen zu sorgen. Andererseits legen viele Zuchtvereine oder einzelne ZüchterInnen großen Wert auf das Aussehen der Hunde. Das bedeutet, dass eine Abweichung vom Rassestandard durch Verpaarung möglichst ähnlicher Tiere vermieden wird. So will man sich bei den Hundeausstellungen ein möglichst gutes Richterurteil  sichern. Doch äußerliche Ähnlichkeit bedeutet leider meist auch genetische Ähnlichkeit.

Großes Gesundheitsrisiko

Wird der Genpool zu klein und über Generationen hinweg nahe Verwandte miteinander verpaart, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es zu unvorhergesehenen Gesundheitsproblemen kommt. Beispielsweise steigt das Risiko für Krebs und ähnliche Krankheiten, so Bannisch: “Daten von anderen Tierarten in Verbindung mit einer starken Veranlagung einer [Hunde]Rasse für komplexe Krankheiten wie Krebs und Autoimmunkrankheiten unterstreichen die Bedeutung einer hohen Inzuchtrate bei Hunden für deren Gesundheit.”

Aber auch Körperdeformationen können sich nach einigen Inzuchtgenerationen herausbilden, beispielsweise die immer kürzere Schnauze von brachycephalen Rassen. Diese verhindert eine normale Atmung und sorgt für lebenslanges Leid von Mops, Englischer und Französischer Bulldoge und Co. Solche und andere gesundheitsgefährdende Merkmale zählen mittlerweile als Qualzucht, dennoch wird sie besonders von gewissenslosen Vermehrern fleißig weiter betrieben. Denn das zerknautschte Gesicht mit den herausquellenden Glupschaugen finden leider viele Hundeeltern “süß”. Und das qualvolle Schnaufen und Grunzen, wenn die Tiere kaum Luft bekommen, wird bestenfalls als amüsant befunden.

French Bulldog wird mit Tubus beatmet und liegt auf einem gelben Handtuch.
Brachycephale Hunderassen leiden ein lebenlang an Atemnot © Ralph Rückert

Mehr Inzucht = mehr Tierarzt

Zusätzlich glichen die Forscher den Inzuchtgrad der Hunderassen mit einer Datenbank von Tierversicherungen ab, um zu ermitteln, wie oft die Hunde nicht-routinemäßig in die Tierarztpraxis mussten. Auch dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass Hunderassen mit hohem Inzuchtgrad öfter zusätzliche veterinärmedizinische Betreuung brauchten. Des Weiteren mussten gerade brachycephale Hunderassen besonders oft zum Tierarzt- denn oftmals können nur kostspielige Operationen eine normale Atmung ermöglichen. Aber auch große Hunderassen sind im Durchschnitt weniger gesund als kleine Hunderassen. Unter anderem summiert sich die größere Gelenksbelastung durch höheres Gewicht im Laufe der Jahre. Größere Hunderassen haben zudem im Durchschnitt eine niedrigere Lebenserwartug als kleine Hunderassen. Zusammenfassen lässt sich die Studie daher in der Aussage, dass kleine Hunderassen mit wenig bis keiner Inzucht in der Zuchtpraxis signifikant gesünder sind als große Hunderassen, die durch Inzucht vermehrt werden.

Modernisierte Zuchtziele

Historisch junge oder stark leistungsorientierte Hunderassen wie der Tamaskan, der Barbet, der Dänisch-Schwedische Farmhund, der Mudi und der Koolie weisen einen besonders niedrigen Grad an Inzucht auf. Die WissenschaftlerInnen um Bannisch plädieren daher für strengere Regelungen gegen Inzuchtpraktiken in der Hundezucht, für mehr Einkreuzungsprojekte und dementsprechende Schulungen für Züchterinnen und Züchter besonders betroffener Rassen. Als besonders verbildlich gelten in dieser Hinsicht die Niederlande. Dort gibt es seit 2019 strenge Gesetze für die Zucht brachycephaler Rassen durch ein Zuchtverbot mit kurznasigen Hunden, deren Nasenlänge nicht mindestens ein Drittel der Kopflänge beträgt. Welpen brachycephaler Rassen erhalten nur dann eine Ahnentafel, wenn ein Tierarzt ein positives Gesundheitzeugnis ausstellen kann.

Auch hierzulande wäre eine dementsprechende Gesetzesänderung wünschenswert – dennoch liegt die eigentliche Problematik nicht bei seriösen Zuchtvereinen, sondern bei der starken Nachfrage der HundehalterInnen nach eben jenen gesundheitsschädlichen Merkmalen. Schließlich wird die hohe Nachfrage nach brachycephalen Rassen zu 90 Prozent von skrupellosen Vermehrern abgedeckt. Diese operieren meist aus dem Ausland und verschwenden keinerlei Gedanken an die Gesundheit der Tiere – oder daran, ob in ihren Hundefarmen Inzucht betrieben wird.

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