Kolumne: VÖHT-Prüfung „Alltagsbegleithund“- Lernen, was wirklich zählt

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Die VÖHT-Prüfungs Alltagsbegleithund hebt sich ab von den klassischen Prüfungen. / Foto: VÖHT

Gemäß dem Motto „Der Alltag ist die wichtigste Prüfung“ hat die Vereinigung Österreichischer HundeverhaltenstrainerInnen (VÖHT) eine zeitgemäße Prüfung für Mensch und Hund entwickelt: die VÖHT-Prüfung „Alltagsbegleithund“. Statt Bei-Fuß-Marschieren und Kasernengebrüll soll entspannte und verlässliche Kommunikation Hund und Mensch befähigen, selbst schwierige Situationen des Alltags zu meistern.

Vom klassischen Begleithund zum Alltagsbegleithund

Meine Erfahrung mit der klassischen Begleithundeprüfung mit Verkehrsteil ist schon einige Zeit her. Ich hatte Tobi, meinen Alaskan Malamute Rüden, 2010 mit acht Monaten aus dem Tierschutz übernommen. Damals hatte ich keine Ahnung von Hunden und war dementsprechend überfordert. Aber ich wollte natürlich alles richtig machen. Also habe ich uns nach einem für uns beide aufreibenden und frustrierenden Jahr zur Begleithundeprüfung angemeldet. In der Hoffnung, dass dies uns helfen würde, uns besser zu verstehen und den Alltag entspannt zu meistern.

Ich erinnere mich noch gut an die letzte Trainingseinheit vor der Prüfung. Bei der zehnminütigen Bleibe-Übung musste Tobi ca. zehn Meter von mir entfernt im Platz liegen bleiben. Eine echte Herausforderung für den jungen Rüden – und für mich offen gestanden auch. Dennoch: Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir diese Übung immer bis zum Schluss durchgestanden. Nur dieses Mal, ausgerechnet bei der Generalprobe, platzte Tobi  der Kragen. Wie von der Tarantel gestochen sprang er plötzlich auf und raste mit Vollgas zwischen den anderen Hunden und Haltenden hin und her. Hunde sprangen auf, Haltende hinterher. Ich geriet in Panik. Angefeuert von der lautstarken Aufforderung der Trainerin, ich solle schauen, dass ich meinen Hund wieder in den Griff bekomme, versuchte ich genau das zu tun. Ich weiß noch genau, wie ich dachte: „Den erwische ich nie im Leben!“ Natürlich gab ich trotzdem alles, um diese wildgewordenen 40 Kilogramm Hund wieder einzufangen und das Chaos einzudämmen. Unzählige Hechtsprünge ins Leere später hielt ich schlammverschmiert und schweißgebadet kurz inne, um Luft zu holen. Und Tobi tobte noch immer. Schlussendlich war es eine besorgte Mutter vom Spielplatz nebenan, die den Ausreißer endlich zu fassen kriegte und ihn mir übergab. Damals hätte ich im Boden versinken können. Heute frage ich mich, warum wir uns das überhaupt angetan haben. Denn obwohl wir die Prüfung am nächsten Tag erfolgreich abgelegt hatten, war es für mich doch mehr als fragwürdig, welchen Nutzen wir wohl daraus ziehen würden. Im Nachhinein bin ich mir auch gar nicht sicher, ob wir die Prüfung trotz oder wegen des Tipps, mir doch Streichwurst auf die Finger zu schmieren, bestanden haben. Unsere Probleme im Alltag ließen sich mit Streichwurst jedenfalls nicht lösen. Noch immer musste ich Tobi aller paar Tage einfangen, weil er mal wieder ausgebüchst war. An der Leine konnte er – damals ohne für mich erkennbaren Grund – mir gegenüber plötzlich ruppig werden und wenn’s irgendwo abwärts ging, war es besser für mich, wenn wir nicht gerade auf schottrigem oder eisigem Gelände unterwegs waren. Ein Malamute kann eine enorme Zugkraft entwickeln, wenn er ein Ziel vor Augen hat. Freilauf und freundlicher Hundekontakt waren damals Fremdwörter für uns.

Es waren Probleme wie diese, die mich dazu veranlassten, eine Ausbildung zur Hundetrainerin zu machen. Heute, neun Jahre und mehrere dutzend Fortbildungen später, sehen unsere Spaziergänge ganz anders aus. Wir genießen die gemeinsame Zeit – an der Leine genauso wie im Freilauf. Weil wir vieles dazugelernt haben, was uns im Alltag weiterbringt. Dieses Wissen gebe ich heute in tierschutzkonformem und respektvollem Hundetraining auch an meine Kund*innen in der Hundeschule weiter. Besonders wichtig ist mir dabei die Förderung von sozialen und kommunikativen Fähigkeiten an beiden Enden der Leine – weil ohne gegenseitiges Verständnis und Verstehen ein entspanntes Zusammenleben kaum möglich ist.

Mich freut es sehr, dass diese wesentlichen Elemente auch in der VÖHT-Prüfung „Alltagsbegleithund“ eine wichtige Rolle spielen. Denn das ermöglicht es mir, diese zeitgemäße Form der Begleithundeprüfung mit gutem Gefühl in unserer Hundeschule anzubieten. Übrigens als erste Hundeschule in Österreich.

vöht prüfung alltagsbegleithund kolumne erfahrungsbericht autorin nina tschanhenz

Was ist anders bei der VÖHT-Prüfung?

Alltagstaugliches statt traditioneller Prüfungselemente

Traditionelle Prüfungselemente der Begleithundeprüfung, wie etwa das „Fußmarschieren“, werden durch alltägliche Begegnungssituationen ersetzt. So lernen Mensch und Hund bei der Prüfung „Alltagsbegleithund“ nicht nur für den Test, sondern, wie der Name schon verrät, für den gemeinsamen Alltag. Das Wohlbefinden des Hundes, ein entspannter Umgang mit dem Hund und die Sicherheit in öffentlichen Bereichen stehen dabei im Vordergrund. Die Hundehaltenden lernen, ihren Hund zu verstehen. So kann der Hund Vertrauen zu seinem Menschen aufbauen, seine sozialen und kommunikativen Fähigkeiten üben und in unserem oft anspruchsvollen Lebensumfeld entspannt zurechtkommen.

Die Persönlichkeit wird berücksichtigt

Jeder Mensch und jeder Hund ist anders. Daher wird bei der VÖHT-Prüfung auf eine strikte Abfolge von Grundgehorsamkeitsübungen verzichtet. Die Sicht- und Hörzeichen können frei gewählt und kombiniert werden. Es darf gelobt und belohnt werden – ganz wie im Alltag auch. Übungen dürfen abgebrochen werden, wenn dies zum Wohl des Hundes geschieht. Der Mensch soll in der Lage sein, in für den Hund schwierigen Situationen verantwortungsbewusst zu handeln und gezielt Unterstützung zu bieten.

Ein ganzheitliches Leistungsverständnis steht im Vordergrund

Bei der VÖHT-Prüfung „Alltagsbegleithund“ wird nicht nur Merkwissen abgefragt oder eine Kommando-Abfolge abgespult. Hier sind aktuelles Fachwissen und die praxistaugliche Anwendung im Alltag mit dem eigenen Hund gefragt.

Sogar die Theorie ist praktisch ausgelegt

Beim schriftlichen Prüfungsteil werden neben rechtlichen Fragen auch gesundheitliche Themen sowie aktuelles Fachwissen über das Training und Verhalten von Hunden vorausgesetzt. Für die alltagstaugliche Umsetzung werden eine gute Organisation und Planung sowie praktische Trainings-Fertigkeiten vermittelt.

Durch Verstehen, Erkennen und Bewerten werden Probleme lösbar

Bei der Vorbereitung auf die VÖHT-Prüfung lernen Hundehaltende zu beobachten, Situationen richtig einzuschätzen und im Sinne des Hundes zu handeln. Das bedeutet beispielsweise, dass der Hund bei einer Bleibeübung so positioniert wird, dass er sich sicher und wohl fühlen kann, also in Blickrichtung und mit genügend Abstand zum Reiz. Durch einfache Tricks wie diese können Konflikte vermieden und problematischen Verhaltensweisen vorgebeugt werden.

Die gemeinsame Entwicklung von Mensch und Hund wird gefördert

Durch angemessene Anforderungen gewinnen Mensch und Hund schon in der Vorbereitung an Selbstsicherheit und gegenseitigem Vertrauen. Am nachhaltigsten profitieren Mensch und Hund von der Erfahrung, wie man Übungen gestaltet, dass der Hund diese mit Freude bewältigen kann. Das bereitet die Teams auch gut auf die Bewältigung zukünftiger schwieriger Situationen vor.

Zuhören und Kooperieren wird belohnt

Schon bei der Vorbereitung auf die VÖHT-Prüfung liegt großes Augenmerk darauf, die sozial-kommunikativen Fertigkeiten des Hundes sowie seine Kooperationsbereitschaft gezielt zu fördern. Auch hier ist ein respektvoller und tierschutzgerechter Umgang mit dem Hund oberstes Gebot.

Die Prüfungsvorbereitung wird individuell gestaltet

Wenn Mensch und Hund motiviert sind, wenn ihnen die Aufgabe Spaß macht und mit ihrem Leben zu tun hat, sind sie zu Leistungen fähig, die sie in einem normalen Test niemals zustande bringen würden. Deshalb werden zur Prüfungsvorbereitung mit jedem Mensch-Hund Team Signale im Einzelunterricht aufgebaut, die auch im jeweiligen Alltag des Teams hilfreich sind. In kleinen Gruppen mit bis zu vier Hunden, die gut zusammenpassen, wird anschließend das Erlernte auf gemeinsamen Spaziergängen an verschiedenen Orten gefestigt.

Für wen eignet sich die Prüfung?

Bei der „Alltagsbegleithund“ VÖHT-Prüfung wird nicht geprüft, was leicht zu prüfen ist, sondern was für Mensch und Hund im Alltag wichtig und sinnvoll ist. Daher ist sowohl die Vorbereitung als auch die Prüfung selbst im Wesentlichen für alle Mensch-Hund Teams empfehlenswert. Insbesondere angehende Therapiebegleithundeteams sowie Hunde, die schwierige Verhaltensweisen zeigen, profitieren von der individuellen Vorbereitung und den Trainingseinheiten in kleinen Gruppen. Teilnehmen dürfen Hunde ab dem 12. Lebensmonat. Selbstverständlich sind auch Senioren oder Hunde mit Einschränkungen bei der VÖHT-Prüfung „Alltagsbegleithund“ willkommen.

Autorin:
Nina Tschanhenz
www.freilauf.cc
www.vöht.at

Kontakt für Fragen: [email protected]

Bitte beachten Sie, dass die Beantwortung der Mails unter Umständen einige Zeit dauern kann, da wir den Großteil unserer Zeit dem Training und der Ausbildung widmen.