Freitag, September 30, 2022
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Qualzucht – Überzüchtung und ihre Auswirkungen

Wir alle lieben unsere Hunde – Halter:innen, Tierärzt:innen, Trainer:innen … und selbstverständlich auch Züchter:innen. Und dennoch ist die Rassehundezucht nicht ganz im Sinne der Liebe zu den Tieren, wenn man sich die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ansieht. – von Mag. Ursula Aigner

Aus moderat kurzbeinigen Hunden wie dem Dackel wurde ein Hund, dessen Bandscheibenproblematik aufgrund der Extremzucht nach langem Rücken und extrem kurzen Beinen zum Namensgeber der „rassetypischen“ Erkrankung wurde: „Dackellähme“. Der Deutsche Schäferhund, eine ursprünglich körperlich leistungsfähige Gebrauchsrasse, zeigt oft bereits im Jugendalter unnatürliche Bewegungsmuster bis hin zu Lahmheiten aufgrund von schmerzhaften Veränderungen in Hüfte und/oder Wirbelsäule (Hüftdysplasie bis Cauda equina). Die stark abfallende Rückenlinie tut der Gesundheit – und dem Hund – keinen Gefallen. Die Übertypisierung in der Zucht in Richtung „süßes Kindchenschema“ mit rundem Kopf, großen Augen und kleiner Nase bewirkt große Probleme: Die Hunde leiden unter mehr oder minder starker Atemnot, bis hin zu Erstickungsanfällen und juckenden Hautentzündungen. Dies hat auch zur Namensgebung der dazugehörigen Erkrankung geführt: BOAS – Brachycephalic Obstructive Airway Syndrome. Eine traurige Entwicklung, wenn Rassen und Erkrankungen nicht mehr voneinander trennbar sind.

Abbildung eines Dachshundes.
Aufgrund der langen Rücken und extrem kurzen Beinen kommt es zu der „rassetypischen“ Erkrankung: „Dackellähme“. (c) Canva

Gibt es hier nicht klare gesetzliche Vorgaben? JA! Die gibt es. Im Österreichischen Tierschutzgesetz findet sich seit 2008 im § 5 ein explizites Verbot der Qualzucht, die laut Gesetz klar unter Tierquälerei fällt. (§ 5 TSchG (Tierschutzgesetz), Verbot der Tierquälerei – JUSLINE Österreich)

Da dem Gesetzgeber klar war, dass man Rassen nicht von heute auf morgen „gesund züchten“ kann, wurde ursprünglich eine Übergangsfrist – im § 44 Abs. 17 festgehalten – von 10 Jahren gewährt: Bis 2018. Als dieses Datum näher rückte und in der Rassehundezucht in Österreich keine Veränderungen sichtbar wurden, die den Hunden mehr Gesundheit und damit ein leidfreies Leben ermöglichen, wurde diese Frist einfach gestrichen.

Eine laufende Dokumentation der züchterischen Maßnahmen, damit gesundheitliche Beeinträchtigungen der Nachkommen reduziert werden, genügt. Denn wie genau diese Dokumentation auszusehen hat, ist Auslegungssache. Da der Vollzug des Bundestierschutzgesetzes Landessache ist, wird die Kugel der Verantwortung zwischen Bund und Ländern hin und her geschoben. Und die nötige Veränderung in der Hundezucht verharrt im Stillstand. Diese Übergangsfrist hebelt also das an sich sehr klar und explizite Verbot der Qualzucht im Österreichischen Tierschutzgesetz völlig aus.

Als hundeliebender Mensch fragt man sich letztendlich: Wieso werden Hunde so gezüchtet, dass es zu mitunter gravierenden gesundheitlichen Einschränkungen kommt, die ganz klar gesetzeswidrig sind? Züchter:innen werden antworten, dass der Rassestandard eben im internationalen Wettbewerb so sein muss, dass einiges einfach zur Rasse dazu gehört. Letzteres bedeutet dann „rassetypisch“ und das kann – überspitzt formuliert – auch folgend übersetzt werden: „mögliche gesundheitliche Einschränkungen werden aus Liebhaberei in Kauf genommen“. Dabei möchte ich Züchter:innen die Liebe zu ihren Hunden selbstverständlich nicht absprechen. Vielleicht ist das Argument des internationalen Wettbewerbs und der Rassestandards derart stark, dass die krankmachenden Effekte der Extremzucht nicht mehr objektiv wahrgenommen bzw. dann beurteilt werden (können). Vieles von dem, was man oft sieht (vor allem wenn es gesellschaftlich nicht kritisch hinterfragt wird), wird früher oder später als „normal“ abgespeichert – auch wenn es weit entfernt davon ist.

Das Thema ist glücklicherweise nicht nur bei tierschutzaffinen Menschen angekommen – auch die Wissenschaft beschäftigt sich inzwischen mit den Auswirkungen der Rassehundezucht. Die Ergebnisse sind erschreckend: Hunderassen sind immer mehr oder weniger stark von Inzucht geprägt. Innerhalb einer Rasse findet kein gleichmäßiger genetischer Austausch statt, sondern eine Rasse besteht aus mehreren Populationen und Subpopulationen, die die gesundheitserhaltende genetische Varianz schwinden lässt: Dieser Verlust der Vielfalt bewirkt, dass sich krankmachende Gene fixieren und schnell ausbreiten können. Die verschiedenen Zuchtpopulationen innerhalb einer Rasse kommen durch geographische Isolation und/oder Linienzucht und/oder den übermäßigen Einsatz weniger Champions zustande.

Ich möchte anhand der ersten explizit angeführten Symptomatik „Atemnot“ beispielhaft erläutern, wie komplex, umfassend und einander überlappend die Problematik der Rassehundezucht ist. Ein Ausführen der gesamten klinischen Symptomatik hinsichtlich aller aufgeführten Qualzuchtmerkmale würde diesen Rahmen sprengen – sei es auch noch so wichtig bezüglich einer dringend nötigen Bewusstseinsbildung. Was die Auflistung der klinischen Symptomatik nicht explizit umfasst, sind Erbkrankheiten wie beispielsweise Herz- oder Stoffwechselerkrankungen, die durch geringe genetische Diversität entstehen.

Profil einer Französischen Bulldogge.
Gerade Rassen wie z.B. Mops oder Französischen Bulldogge leiden unter Qualzuchtmerkmalen. (c) Canva

Atemnot:
Durch die Verkürzung des knöchernen Gesichtsschädels bei nicht proportional verkleinerten Weichteilen (großes Gaumensegel, enge Nasenlöcher, …) wird die Atmung je nach Ausprägung des verengten Rachen- und Kehlraumes massiv erschwert. Diese Probleme bei jedem Atemzug kommen bei kurzschnäuzigen (brachycephalen) Rassen wie Möpsen oder Französische Bulldoggen sowie Boxern vor, aber auch bei Zwergrassen mit extremen Kindchenschema.
Durch die Verkürzung der Nase kommt es zudem häufig zur Faltenbildung der Haut im Gesicht – und damit einhergehenden Hautreizungen, die unbehandelt zu juckenden bis schmerzhaften Entzündungen ausarten können – ein weiteres Qualzucht-Symptom. Durch die veränderte Schädelform hervortretende Augäpfel, Exophthalmus, sowie damit einhergehende Augenentzündungen gehören leider auch zu so manch „rassetypischem“ Aussehen. Bei Rassen mit extrem großem und rundem Kopf in Kombination mit breitem Schulter- und engem Beckengürtel (Englische Bulldogge) ist außerdem eine natürliche Geburt nicht mehr möglich und die Hündinnen schweben mit ihren Welpen in Lebensgefahr, wenn kein Kaiserschnitt durchgeführt wird – auch ein Qualzucht-Merkmal. Zahnfehlstellungen oder -aAomalien mit Funktionsverlust (Abnabeln, Fellpflege, …) gehören zum Normalbild bei Brachycephalie.
Symptomatisch bemerkbar hinsichtlich Atemnot sind unter anderem röchelnde Atemgeräusche, Schnarchen und bei Belastung Würgen und Spucken. Zusätzlich zum grundlegenden Problem der Atemnot kommt noch eine erschwerte Temperaturregulation bzw. Kühlung durch Hecheln hinzu. Die Tiere versuchen oft verzweifelt, sich durch auf den Bauch legen zu kühlen – so der Untergrund kühler als die Luft ist. Leider werden diese deutlichen Symptome oft als süß und niedlich missverstanden oder eben als „rassetypisch“ normal nicht weiter beachtet.

Um einschätzen zu können, wie stark der eigene Hund betroffen ist, hilft das Maß der relativen Nasenverkürzung (Cranio-Facial-Ratio, CFR). Dieses errechnet sich über das Verhältnis von Schädellänge zur Nasenlänge.
Ein in den Niederlanden zur Zuchtzulassung eingeführtes Ampelsystem hilft bei der Einordnung, mit welchen Hunden gezüchtet werden sollte oder darf. Idealerweise ist die Nasenlänge mindestens halb so lang wie die Schädellänge, (vorübergehend) tolerierbar ist ein Drittel.

Die relative Nasenverkürzung ist natürlich nur ein Parameter unter mehreren anderen (wie freie Nasenöffnungen, kleines Gaumensegel), aber eben ein wichtiger äußerlich messbarer Faktor, um den Grad der Überzüchtung abschätzen zu können.

Die Tierschutzproblematik ist also riesig, größer als möglicherweise auf den ersten Blick erkennbar.
Denn ein Leben mit permanenter Atemnot, ständigen Hautentzündungen, Schmerzen im Bewegungsapparat, Herzerkrankungen etc. macht Hunde noch abhängiger vom Wohlwollen und den finanziellen Möglichkeiten ihrer Menschen, als sie es ohnehin bereits sind. Einige Symptome können durch Operationen, Schmerzmedikation oder andere veterinärmedizinische Interventionen gelindert werden, aber nicht alle Halter:innen können sich dies leisten. Permanent nötige Pflege bei extremer Hautfaltenbildung muss auch erst einmal umgesetzt werden. Wird dies nicht gewährleistet, ist das Leid der Hunde um ein Vielfaches größer. Manche Folgen der Zucht auf Extremmerkmale werden als Alterserscheinungen abgetan, wenn die Symptomatik sich erst im Laufe des Lebens verschlechtert oder überhaupt erst in einem gewissen Alter auftritt.

Was kann also getan werden? Neben Sensibilisierung der Halter:innen, Aufklärung idealerweise vor Anschaffung eines Hundes seitens Professionist:innen wie Tierärzt:innen, Hundetrainer:innen, Hundefrisör:innen und Co. müssen Zuchtverbände bzw. Züchter:innen ihre Standards dem Gesetz anpassen und nicht internationalen „Idealen“ hinterherlaufen, die aus unseren Hunden gesundheitliche Wracks machen.
Es darf jedenfalls nicht sein, dass Krankheitsbilder und massive gesundheitliche Einschränkungen als „rassetypisch“ abgetan werden. Und nicht zuletzt muss der Vollzug des Verbots der Qualzucht umgesetzt werden.

Hund haltet beide Pfoten in die Hand eines Menschen.
Gerade der Hund gilt als bester Freund des Menschen und sollte dementsprechend behandelt werden. (c) Die Hundezeitung

Der Hund als bester Freund des Menschen sollte auch als solcher behandelt werden. Abkehr von Extremmerkmalen, Sonderfarben, außergewöhnliche Körperformen, neuen Designerdogs, etc. hin zu allgemeiner Gesundheit und vor allem der Erhalt der genetischen Vielfalt müssen im Fokus der Zucht sein, nicht die Erfüllung irgendwelche menschlichen Bevorzugungen, die den Tieren ein gutes Leben verunmöglichen. Laut einer britischen Studie sind 75% der Erberkrankungen auf den Verlust der genetischen Varianz zurückzuführen. Das Dogma der absoluten Reinzucht in der Hundezucht sollte der Vergangenheit angehören, durchdachte Einkreuzungen, um den Genpool zu erweitern und eventuell eine Rasse überhaupt erhalten zu können, müssen von Zuchtverbänden erlaubt werden. Der Retromops ist ein Beispiel dafür, dass die Einkreuzung mit dem Parson Russell Terrier dazu führt, dass die Hunde wieder Nasen zum Atmen bekommen und die genetische Vielfalt wieder vergrößert wird – was insgesamt zu einer verbesserten Widerstandsfähigkeit führt.

Wir müssen im Sinne der Hunde handeln. Wir bestimmen nicht nur, wie sie leben und behandelt werden, sondern auch als was sie geboren werden. Tierschutz beginnt nicht erst bei Haltungsbedingungen, Umgang und Training, sondern auch wie wir unsere Tiere züchten und zu welchen Kreaturen wir sie machen. Hunde sollen und müssen in der Lage sein Normalverhalten zu zeigen – ohne Schmerzen, Leiden, Schäden oder Angst. So schreibt es auch das Österreichische Tierschutzgesetz vor.

Quellenverzeichnis:

Sommerfeld-Stur, I. (2016): Rassehundezucht: Genetik für Züchter und Halter, Müller-Rüschlikon
Starkey et al. (2005): Dogs really are man’s best friend: Canine genomics has applications in veterinary and human medicine
Farrell et al. (2015): The challenges of pedigree dog health: approaches to combating inherited disease
Jansson, M., Laikre, L. (2018): Pedigree data indicate rapid inbreeding and loss of genetic diversity within populations of native, traditional dog breeds of conservation concern.
Lampi et al. (2020): Variation in breeding practices and geographic isolation drive subpopulation differentiation, contributing to the loss of genetic diversity within dog breed lineages.
Morill et al. (2022): Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes
Packer et al. (2015): Impact of Facial Conformation on Canine Health: Brachycephalic Obstructive Airway Syndrom
https://www.uu.nl/sites/default/files/de_zuchten_mit_kurzschnauzigen_hunden_-_kriterien_zur_durchsetzing_-_ubersetzung_aus_dem_niederlandischen.pdf
https://qualzucht-datenbank.eu/
https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Tiergesundheit/Tierschutz/Heimtiere/Zucht-von-Heimtieren.html
https://www.tieranwalt.at/de/Projekte/Qualzucht/Qualzucht-bei-Hunden/iActivityId__395.htm
https://www.verbrauchergesundheit.gv.at/tiere/tierschutz/publikationen/qualzucht.html
https://www.noe.gv.at/noe/Tierschutz/Zucht_und_Verkauf.html
https://www.noe.gv.at/noe/Tierschutz/Information_fuer_Zuechter_innen_ueber_weitere_Meldepflich.html

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