Kastration bei Hündin: Häufigste Fragen, Risiken, Vor- und Nachteile

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Das Thema Kastration bei Hündinnen polarisiert. So kann es Vorteile bringen, ist aber auch mit Risiken verbunden. Ein Allheilmittel ist es sicher nicht! / Foto: Pixabay

Wer seine Vierbeiner kastrieren lassen möchte, sollte über Grundlegendes Bescheid wissen: Welche Vorteile sind möglich? Welche Erwartungen unrealistisch? Und wie hoch ist das Risiko eines solchen Eingriffs? Wissenschaftlich präzise Antworten zum Thema Kastration bei Hündin liefert Prof. Dr. Jörg Aurich von der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

Risiko Scheinträchtigkeit? Risiko Wesensveränderung? Ob man eine Kastration bei der eigenen Hündin vornehmen lassen sollte, ist eine der schwierigsten Entscheidungen, vor die Hundehalter gestellt werden. Was für und was gegen das Kastrieren spricht, über die Alternative Sterilisation und auch Frühkastration – darüber haben wir mit Prof. Dr. Jörg Aurich gesprochen. Denn noch immer kursieren zum Thema zahlreiche Halbwahrheiten, denen wir mit dem Veterinärmediziner auf den Grund gegangen sind.

Viele Hundehalter stehen vor der schwierigen Frage, ob sie ihre Hündin kastrieren lassen sollen oder nicht. Was sind die Gründe, die für eine Kastration sprechen, welche sprechen Ihrer Meinung nach dagegen?

Pro Kastration (entweder Entfernung der Eierstöcke = Ovariektomie, oder Entfernung der Eierstöcke und der Gebärmutter = Ovariohysterektomie): keine unerwünschten Welpen,  kein die Besitzer störendes Verhalten während der Läufigkeit (Attraktivität für Rüden, Hündin sucht aktiv Kontakt zu Rüden, Weglaufen = Läufigkeit), keine Probleme, wenn die Hündin und ein Rüde in einem Haushalt leben, kein Risiko von Eierstocks- oder Gebärmuttertumoren, kein Risiko einer Pyometra mehr – das Risiko einer Pyometra liegt bei nicht-kastrierten Hündinnen über sechs Jahren bei etwa 25 %) – und keine Scheinträchtigkeiten. Außerdem ein reduziertes Risiko von Mammatumoren.

Contra Kastration: ein irreversibler Ausschluss von der Zucht, ein sehr geringes Risiko von Narkose- oder OP-Komplikationen, das Risiko der Gewichtszunahme, der Harninkontinenz und leichte Zunahme bestimmter Erkrankungen – zum Teil aber nur bei bestimmten Rassen.

Als Alternative zur chirurgischen Kastration gibt es heute auch relativ nebenwirkungsarme hormonelle Verfahren der Läufigkeitsunterdrückung bei der Hündin – wie Suprelorin-Implantate. Auch diese Implantate sind aber gelegentlich mit Problemen verbunden. Sie sollten in bestimmten Zyklusstadien gegeben werden, haben eine sehr variable Wirkungsdauer, verhindern nicht die Entstehung einer Gebärmutterentzündung/Pyometra und sind nicht ganz billig.

Sehr häufig sind folgende 7 Befürchtungen zu hören. Sind diese Ihrer Meinung nach begründet?

1. Haben unkastrierte Hündinnen ein höherer Krebs-Risiko?

Gesäugetumoren (Mammatumoren) sind die häufigsten Tumoren bei Hündinnen. Laut Literatur entwickeln etwa 20 % aller nicht-kastrierten Hündinnen irgendwann im Lauf ihres Lebens einen solchen Tumor, wobei das Risiko zunächst sehr gering ist und ab einem Alter von sechs Jahren deutlich zunimmt. Es gibt auch Studien, die insgesamt von einer geringeren Häufigkeit ausgehen. Von den Mammatumoren sind etwa 50 % gutartig und 50 % bösartig. Das Risiko von Mammatumoren wird durch eine Kastration nach der ersten aber vor der zweiten Läufigkeit auf etwa 10 % gegenüber nicht-kastrierten Hündinnen reduziert (d.h. etwa 10% von 20% = 2%) und durch eine Kastration (Ovariektomie = Entfernung der Eierstöcke) vor der ersten Läufigkeit noch weiter gesenkt. Auch wenn diese Zahlen gelegentlich in Frage gestellt werden, empfehlen wir an der Vetmeduni die Kastration weiterhin als eine Prophylaxe von Mammatumoren bei Hündinnen.

Bei Hündinnen nach einer Ovariektomie ist aber zum Teil rasseabhängig das Risiko anderer, sehr seltener Tumoren etwas erhöht: zum Beispiel Hämangiosarkome des Herzens und der Milz (vor allem beim Magyar Vizsla und Golden Retriever)  und  Osteosarkome (vor allem beim Rottweiler), Mastzelltumoren (vor allem beim Magyar Vizsla und Golden Retriever) und Lymphome. Bei Tumoren, deren Häufigkeit (Inzidenz) deutlich unter 1 % liegt, ist eine geringe Erhöhung dieses Risikos häufig vertretbar. Auch das Risiko bestimmter orthopädischer Probleme (wie etwa ein Kreuzbandriss) kann bei kastrierten Hündinnen geringgradig höher als bei nichtkastrierten Hündinnen sein.

2. Welche Risiken gibt es beim Thema Scheinträchtigkeit?

Eine Scheinträchtigkeit gibt es bei ovariektomierten Hündinnen nicht mehr.

3. Kommt es bei Hündinnen zu einer Gewichtszunahme nach der Kastration?

Die Ovariektomie verändert den Stoffwechsel und Appetit der Hündin und kann zu einer Gewichtszunahme führen. Dann muss durch eine reduzierte Fütterung gegengesteuert werden, was aber oft gar nicht so einfach ist, weil auch die Aktivität der Hündin etwas abnehmen kann. Besitzer haben manchmal mit überaktiven Hündinnen ja mehr Probleme, als mit solchen, die etwas ruhiger sind.

4. Wie hoch ist das Risiko für Inkontinenz nach der Kastration?

Bei der Kastration werden die hormonproduzierenden Eierstöcke entfernt. Dies kann dazu führen, dass der Verschluss der Harnröhrenöffnung nachlässt. Allerdings werden nur Hündinnen inkontinent, bei denen der Verschluss sehr deutlich nachlässt, das sind etwa 5 %. Die Harninkontinenz (Harnträufeln) tritt meist erst mehrere Jahre nach der Kastration auf und kann medikamentell in vielen Fällen gut behandelt werden.

5. Verändert sich nach einer Kastration bei Hündinnen das Fell?

Bei den meisten Hündinnen kommt es nach der Ovariektomie zu keinen Fellveränderungen, gelegentlich kann das Fell aber dichter und flauschiger wie ein „Babyfell“ werden – wie zum Beispiel beim Cockerspaniel.

6. Ist nach der Kastration eine Wesensveränderung zu erwarten?

Vor allem tritt das mit der Läufigkeit verbundene und oft unerwünschte Verhalten nicht mehr auf. Darüber hinaus werden unserer Erfahrung nach viele ovariektomierte Hündinnen eher ruhiger und weniger aktiv. Es gibt aber auch wissenschaftliche Studien, dass Hündinnen nach der Ovariektomie langfristig nervöser, reaktiver und aggressiver werden. Hier spielen sicher die Rasse, der Umgang mit dem Hund und vor allem das Alter des Tieres zur Zeit der Kastration eine wichtige Rolle.

7. Wie schätzen Sie das Risiko der Narkose beim Eingriff ein?

Ein Narkose- und Operationsrisiko bei der Ovariektomie besteht, ist aber sehr gering.

Die 3 häufigsten Fragen zum Thema Kastration:

1. Wann wäre der beste Zeitpunkt, um eine Hündin kastrieren zu lassen?

Etwa zehn Wochen nach der ersten Läufigkeit,  im sogenannten Anöstrus. Hündinnen, die spät das erste Mal läufig werden, können im Alter von 6 Monaten auch vor der ersten Läufigkeit ovariektomiert werden.

2. Das Thema Frühkastration ist sehr umstritten. Welche Risiken und Vorteile gehen daraus hervor?

Die sogenannte Frühkastration im Alter von 6-8 Wochen wird vor allem in den USA durchgeführt. Ob bei diesen Hündinnen vermehrt Gesundheitsprobleme auftreten, ist strittig. Da in den USA sehr viele Hündinnen so früh kastriert werden, sind dadurch bedingte Gesundheitsprobleme sicher eher selten. An der Vetmeduni Wien wird die Frühkastration aber trotzdem weder empfohlen noch durchgeführt.

3. Gibt es Gründe dafür, warum eine Hündin sterilisiert, und nicht kastriert werden sollte?

Bei der Sterilisation werden die Eileiter durchtrennt, aber nicht die Eierstöcke entfernt. Hormonell bleibt die Hündin damit unverändert. Sie kann zwar nicht tragend werden, alle anderen Risiken nicht-kastrierter Hündinnen bleiben aber unverändert hoch. Die Sterilisation ist darum nicht zu empfehlen.

Mehr zum Thema:

Wie sich eine Kastration auf das Verhalten eines Hundes auswirken kann, erfahren Sie im Interview mit dem Verhaltensbiologen Dr. Udo Gansloßer.

Weitere Infos zu Ausbildung und Alltag von Veterinärmedizinern, gibt es in unserem Artikel zu Vorurteilen über Tierärzte.

Video: Tag der offenen Tür 2019 der Veterinärmedizinischen Universität Wien