Animal Hoarding: Tiermessies und ihr Leben unter Zwang

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Tiermessies sehen nicht was sie den Tieren antun. Deshalb ist Animal Hoarding eine Krankheit, die nicht unterschätzt werden sollte. / Foto: : Deutscher Tierschutzbund Landesverband Bayern e.V.

Ein Messie leidet unter zwanghaftem Sammelverhalten. Er füllt seine Wohnung mit Dingen von denen er sich dann nicht mehr trennen kann. Und ein Tiermessie „sammelt“ und hortet keine Gegenstände, sondern Lebewesen. Bekannt ist dieses Verhalten auch als Animal Hoarding.

Was versteht man genau unter Animal Hoarding?

Nicht jeder Mensch, der viele Tiere besitzt, gilt gleich als Tiermessie. Animal Hoarding ist eine ernst zunehmende, psychisch komplexe Krankheit und umfasst nicht nur die Tierhaltung in großer Anzahl, sondern auch die mangelnde Fürsorge. Es fehlt an Futter, Wasser, Hygiene, Pflege und tierärztlicher Betreuung. Patienten mit dieser Diagnose sehen das Leid, das sie verursachen nicht. In ihren Augen kümmern sie sich fürsorglich um ihre Tiere. Laut einer Befragung österreichischer Amtstierärzte aus 2020 von der TOW (Tierschutzombudsstelle Wien) halten Tiermessies im Durchschnitt 41 Tiere, leben alleine, sind weiblich und über 40 Jahre alt.

Wie erkennt man Tiermessies?

Laut einer Checkliste des Deutschen Tierschutzbundes erkennt man einen Animal Hoarding Fall daran, dass zu viele Tiere auf zu kleinem Raum gehalten werden und der oder die Halterin uneinsichtig auf die ungünstigen Umstände reagiert.

Desto fortgeschrittener die Krankheit bereits ist, desto wichtiger ist es umgehend den Tierschutz zu verständigen. Anhand folgender Kriterien lässt sich das Ausmaß der Krankheit eruieren:

  • Hygienezustand der Wohnung, des Hauses, des Gartens etc. ist durch die Tiere auffällig verschmutzt und/oder verdreckt
  • Tiere sind schmuddelig und ungepflegt, haben verfilztes, teils mit Kot verschmutztes Fell, Ohren- und Augenentzündungen, fehlende Krallen und Ungezieferbefall
  • Kein tierärztliche Versorgung oder Betreuung bei kranken Tieren, keine Impfungen oder Kastration
  • Unkontrollierte Vermehrung: Weibchen und Männchen werden nicht getrennt voneinander gehalten
  • Tote Tiere liegen zwischen lebenden

Auch finden sich beim Tiermessie selbst einige Anzeichen:

  • Die Person zieht sich zurück und vermeidet soziale Kontakte
  • Ihr Alltag ist durch die Situation stark eingeschränkt
  • Die hohe Anzahl an Tieren kann finanziell nicht mehr gestemmt werden
  • Gesamtanzahl der Tiere wird bewusst verheimlicht
  • Trotz Einschreiten eines Veterinärs eine Weigerung die Tiere weiter zu vermitteln
  • Sammlung wird aktiv weiter vergrößert
  • Es gibt keinen individuellen Bezug mehr zu den Tieren
  • Die Person ist polizeilich bekannt, aber mit den Tieren vom vorherigen Standort „rechtzeitig“ weggezogen
  • Einsicht für die Probleme fehlt
  • Kastration wird trotz zahlreicher Vermehrung verweigert
  • Keine Bereitschaft kranke und leidende Tiere durch Euthanasie zu erlösen
Viele der Tiere sind unter- oder fehlernährt. / Foto: Taarstedt Rettung © Deutscher Tierschutzbund e.V.

Unterschiedliche Typen

Es gibt keine Faustregel, die erklärt wieso Menschen mit diesem unkontrollierten Sammeln beginnen. Auslöser können beispielsweise einschneidende prägende Erlebnisse sein. Dadurch zieht sich der Betroffene zurück und sucht Trost und Halt bei Tieren. Durch eine weitere tragische Situation kann dann alles aus dem Ruder laufen. Oft taucht diese Krankheit aber auch in Kombination mit anderen psychischen Krankheiten wie gewissen Neurosen, Zwangsstörungen, Psychosen oder auch Demenz, Alzheimer oder sogar ADHS auf.

Die Grundtypen hat der Tierschutzbund anhand einer amerikanischen Studie ins Deutsche übertragen. Natürlich ist die Einordnung nicht immer eindeutig und zahlreiche „Misch-Formen“ existieren.

Übertriebener Pfleger

Menschen dieser Kategorie wollen wirklich helfen und versuchen sich um die Tiere zu kümmern. Sie schaffen es aber nicht die Probleme zu lösen und die Tiere beginnen sich zu vermehren. Dadurch wird ihnen langsam alles zu viel und alles überfordert sie. Das wollen sie sich aber nicht eingestehen und leugnen die Probleme. Da dieser Typus sehr introvertiert ist und sich sozial abschottet, betrachtet er die Tiere als seine Freunde und vermenschlicht sie.

Retter/Befreier

Er sieht es als seinen Auftrag Tiere aufzunehmen und zu retten. Da er selbst Angst vor dem Tod hat, versucht er alle Tiere am Leben zu erhalten und lehnt Euthanasie vollkommen ab. Die Tiere haben es seiner Ansicht nach nur bei ihm gut. Der Retter sammelt aktiv bis die Versorgungsmöglichkeiten endgültig ausgereizt sind. Er vermeidet Autoritäten, muss aber nicht unbedingt unsozial auffallen.

Züchter

Der Züchter schafft sich Tiere an, um zu züchten. Der Verkauf der Tiere geht jedoch nur schleppend oder gar nicht voran und die Tiere vermehren sich immer weiter. Er verliert immer weiter den Überblick über die Masse an Tieren, die er sich eigentlich nur für Ausstellungs- und/oder Verkaufszwecke zugelegt hat.

Ausbeuter

Dieser Typ ist die negativste Ausprägung. Diese Menschen handeln völlig egoistisch und sind meistens sehr gute Schauspieler. Sie sind oft narzisstisch und fallen durch ihre Unfähigkeit Empathie zu empfinden auf. Ihr Auftreten ist selbstbewusst und sie schaffen es andere Menschen und zuständige Behörden lange hinters Licht zu führen.

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Die unkastrierter Tiere vermehren sich unkontrolliert. Viele sind bereits krank und werden nicht behandelt. / Symbolfoto: pixabay

Vorgehen bei Animal Hoarding

Das größte Problem liegt darin, dass Tiermessies meistens zu lange unentdeckt bleiben. Viele ziehen sich von der Außenwelt zurück und verstecken nicht nur sich, sondern auch ihre Tiere. Nachbarn melden die Probleme erst dann, wenn es zur Belästigung kommt, was aber sehr lange dauert. Deshalb an alle: Augen und Ohren auf!

Sobald dann eine Meldung vorliegt, schreitet das Veterinäramt ein. Den Zutritt zum Grundstück muss der Besitzer aber erlauben, sonst muss ein Betretungsrecht erwirkt werden. Dafür braucht das Veterinäramt jedoch genügend Beweise, die zu diesem Zeitpunkt oft noch gar nicht vorliegen.

Wer jetzt denkt, dass mit dem Betretungsrecht alles erledigt ist, der irrt sich. Es gibt zahlreiche Zwischenschritte wie Ermahnungen, Bußgelder etc. bevor die Tiere beschlagnahmt werden dürfen. Und sogar das geschieht Schritt für Schritt. In der Zwischenzeit verschlimmern sich die Zustände weiterhin und bis alle Tiere dann endgültig beschlagnahmt werden können, sind viele der Tiere sehr krank oder bereits tot.

Der Deutsche Tierschutzbund dokumentiert die Animal Hoarding Fälle aus dem Jahr 2019 in Deutschland – und die Ergebnisse sind erschreckend. Auch 2020 gab es in Österreich bereits Fälle. Wir haben über einen Fall in Braunau und einen in Kärnten berichtet.