Spitz wie Nachbars Lumpi: Sexualität bei Hunden

Kuschelnde Hunde
Als Rudeltiere zeigen Artgenossen durchaus Komfortverhalten, wenn sie Artgenossen mögen. Foto: shutterstock ©Javier Brosch

Die Sexualität unserer Hunde wird von uns meist streng kontrolliert – Stichwort Kastration. Doch das bedeutet nicht, dass sie keine Triebe  mehr haben. Wir nahmen die Facetten von Hundesex unter die Lupe.

Der Trend der heutigen Zeit geht dahin, Rüde und Hündin zu kastrieren, vielfach noch vor der Geschlechtsreife. Vor- und Nachteile hin oder her – Faktum ist aber, dass die Sexualität (d. h. die natürlichen Triebe) dadurch eingeschränkt werden – das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund wird einfacher und die Tierheime sind ja ohnehin zum Bersten voll. Somit hat dieser Trend durchaus auch seine guten Seiten. Ist es Hunden gestattet, naturbelassen zu leben, werden sie oft stark von den körpereigenen, durchschnittlich zweimal im Jahr stattfindenden Zyklen beeinflusst.

Triebgesteuert

Läufigkeiten bleiben den Hundebesitzern nicht verborgen. Am Land belagern Rüden aus der gesamten Nachbarschaft das Zuhause der Auserwählten. Die ist aber noch recht zickig – wenn sie Glück hat, kann sie die männlichen Verehrer hinterm Zaun halten, bis ihre Stehtage gekommen sind. Dann ist sie durchaus willig – und wohl zum Schrecken ihrer Menschen nicht besonders wählerisch. Die Triebe brechen sich Bahn. Und die sind auf die Weitergabe der eigenen Gene ausgerichtet.

Kuschelnde Hunde
Als Rudeltiere zeigen Artgenossen durchaus Komfortverhalten, wenn sie Artgenossen mögen. Foto: shutterstock ©Javier Brosch

Hündin nimmt, wen sie bekommen kann. Pinscherpudeldackelschäfer und ähnlich lustige Kreuzungen zeugen von gesunder Veranlagung und wenig Sinn für Geschmack, wie wir Menschen ihn verstehen. Manchmal sind die Welpen von unterschiedlichen hündischen Vätern, kommen aber in einem gemeinsamen Wurf auf die Welt, auch wenn die Zeugungstage unterschiedlich sind. Lässt man Hunde gewähren, gilt der Leitsatz: Survival of the fittest! Zum Zug – äh: Stich – kommt, wer sich gegen die Konkurrenz durchsetzt und seine Wünsche mit Vehemenz vertritt.

Denn auch in der Hundewelt gibt es so etwas wie ein Vorspiel, damit sich die beiden Körper auf den Akt vorbereiten können. Gewaltsame Deckakte gibt es allerdings auch. Während dem artentypischen sogenannten Hängen, das unmittelbar auf den Samenerguss folgt und bei dem der Penis in der Vulva stark anschwillt, dürfen die Tiere keinesfalls gewaltsam getrennt werden! Es kann sonst zu ernsten Verletzungen kommen. Die Hunde stehen im besten Fall Hinterteil an Hinterteil und werden in den folgenden etwa 20 Minuten in Ruhe gelassen. War die Deckung erfolgreich, ist das Spermium in die Eizelle eingedrungen, die befruchtete Eizelle wandert vom Eileiter in die Gebärmutter und nistet sich nach zirka acht Tagen in der Gebärmutterschleimhaut ein. Ungefähr 18 Tage nach dem Liebes- bzw. Triebesspiel ist das Einnisten abgeschlossen und die eigentliche Trächtigkeit beginnt. Sie dauert durchschnittlich 63 Tage, kann aber nach Wurfgröße variieren.

Wolfserbe

Als Erbe der wölfischen Vorfahren entwickelte sich die Scheinträchtigkeit der anderen weiblichen Rudelmitglieder als genialer Einfall der Mutter Natur. Hat die Leitwölfin zu wenig Milch oder benötigt Unterstützung, sind die anderen Wölfinnen behilflich, deren Körper Milch produziert und durch einen spezifischen Hormoncocktail für mütterliche Gefühle sorgt. Bei unseren Haushündinnen sind Scheinträchtigkeiten unliebsame Begleiter des Zyklus. Vielfach werden Hündinnen sehr sensibel, zeigen Nestbau- oder sogar Verteidigungsverhalten. Wichtig ist, dass der Mensch in dieser Phase Verständnis zeigt und für seine Hündin da ist, ohne ihre Nervosität zu schüren. In der Ruhe liegt auch hier die Kraft!

Manneskraft

Im Gegensatz zur Hündin ist der Rüde ab der Geschlechtsreife im zirka neunten Monat jederzeit bereit, seinen Mann zu stehen. Sexuelle Elemente bestimmen vor allem beim intakten männlichen Begleiter das Verhalten. Diese reichen von Imponiergehabe anderen männlichen Vertretern gegenüber bis hin zu exzessivem Markierverhalten, Kommentkämpfen, die stark ritualisiert ablaufen, aber auch ernsten Kämpfen, die auf starkes Verletzen des Gegenübers ausgerichtet sind. Auch gibt es potente Kerle, die aufgrund ihrer Sexualität bereits lange vor der tierischen Hitzeperiode zu vergessen scheinen, wo sie zu Hause sind. Sie riechen (bald) läufige Hündinnen meilenweit gegen den Wind und setzen in der Taktik auf hartnäckige Belagerung des Umfeldes der Auserwählten – sehr zum Leidwesen ihrer Menschen. Das verteufelte Aufreiten auf allem Möglichen ist für die meisten ein untrügliches Zeichen für einen sexuell sehr aktiven Kerl, der seine tierischen Grenzen nicht zu respektieren weiß – aber Achtung: Eine Kastration löst keine Verhaltensprobleme!

Natürlichkeit

Elemente aus der Sexualität werden auch von kastrierten Hunden oft und regelmäßig gezeigt, etwa im Spiel, das dazu dient, Verhaltensweisen aus sämtlichen Lebensbereichen auszutesten und zu üben. Werden Rüden spät kastriert, bleiben oft viele Elemente aus dem Sexualverhalten bestehen, der Körper erinnert sich sozusagen an triebhaftes hormongesteuertes Verhalten, auch wenn der Vierbeiner meist insgesamt ruhiger wird und zumindest nicht mehr zeugungsfähig ist. Dass Kastration kein Patentrezept für brave Hunde sein kann, wird deutlich, wenn man sich den Einfluss der geschlechtsspezifischen Hormone auf unsichere Tiere ansieht: Testosteron kann auch stabilisierend wirken, wenn es sich um unsichere Hunde handelt. Nimmt man ihnen durch eine Kastration dieses Hormon, kann sich die Angst verstärken. Hündinnen können nach dem Eingriff stärkere männliche Verhaltensweisen entwickeln. Fest steht: Sexualität gehört zu unseren Vierbeinern dazu. Der Trend sollte dahin gehen, unerwünschten Nachwuchs auf jeden Fall zu vermeiden, aber sich bewusst zu machen, was natürlich ist.

Sexuelle Reife bei Hündinnen

Die Sexualität hängt stark vom Hormonstatus des jeweiligen Tieres ab. Für die hormonellen Vorgänge während der Läufigkeit sind Hirnanhangdrüse, Eierstöcke und Gebärmutter verantwortlich. Etwa im Alter von sieben bis neun Monaten erlebt die nicht kastrierte Hündin ihre erste Läufigkeit, auch Hitze genannt. Sie findet meist zweimal jährlich statt und dauert bis zu drei Wochen. Manche Rassen bilden Ausnahmen.

Text von Kerstin Biernat-Scherf